BMI und Überleben bei Hochbetagten: Was sagt eine neue Studie?
Eine aktuelle Studie untersucht, wie der BMI das Überleben von Nonagenariern und Centenariern beeinflusst. Was bedeutet das für ein gesundes Altern? Wir analysieren die Ergebnisse und die Rolle von Psyche und Körper.
BMI und Überleben bei Hochbetagten: Was sagt eine neue Studie?
Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?
Stell dir vor, du bist über 90 Jahre alt – oder sogar über 100. Welche Faktoren entscheiden dann noch darüber, wie lange und wie gut du lebst? Eine Frage, die viele beschäftigt, denn ein langes Leben soll ja auch ein gesundes Leben sein. Genau hier setzt eine aktuelle Untersuchung an, die sich mit dem Body-Mass-Index (BMI) und seinen Auswirkungen auf das Überleben bei Hochbetagten beschäftigt. Die Studie trägt den Titel Survival implications of BMI in nonagenarians and centenarians of the CEPH Aging cohort und wurde von Rajoua N, Wagner S, Lamiral Z, Sahbatou M, Deleuze JF und How-Kit A durchgeführt. Veröffentlicht wurde sie im renommierten Fachjournal Experimental Gerontology im Jahr 2023.
Die Forscher wollten herausfinden, ob und wie der BMI – also das Verhältnis von Körpergewicht zu Grösse – mit der Überlebenswahrscheinlichkeit bei Menschen über 90 Jahren zusammenhängt. Warum ist das relevant? Weil wir oft hören, dass ein „normaler“ BMI zwischen 18,5 und 24,9 ideal sei. Doch gilt das auch für Menschen, die bereits ein sehr hohes Alter erreicht haben? Die wissenschaftliche Motivation hinter dieser Studie liegt darin, dass frühere Untersuchungen widersprüchliche Ergebnisse lieferten: Während bei jüngeren Erwachsenen ein hoher BMI oft mit Gesundheitsrisiken verbunden ist, könnte er bei Älteren möglicherweise einen schützenden Effekt haben – das sogenannte „Adipositas-Paradoxon“.
Die Studie ist eine Kohortenstudie, die Teil der CEPH Aging Cohort ist, einer langfristigen Beobachtung von Hochbetagten in Frankreich. Das Design erlaubt es, über einen längeren Zeitraum Daten zu sammeln und Zusammenhänge zwischen Variablen wie BMI und Überleben zu analysieren, ohne aktiv in das Leben der Teilnehmer einzugreifen. Die Stichprobe umfasste 1’200 Nonagenarier (Menschen zwischen 90 und 99 Jahren) und Centenarier (über 100 Jahre). Die Teilnehmer wurden über mehrere Jahre beobachtet, wobei der BMI zu Studienbeginn gemessen wurde – entweder durch direkte Messungen von Gewicht und Grösse oder durch Selbstauskünfte, wenn Messungen nicht möglich waren. Zudem wurden demografische Daten, Gesundheitszustand und Todesfälle dokumentiert. Die Dauer der Nachbeobachtung variierte, lag aber im Durchschnitt bei fünf Jahren. Kontrollgruppen im klassischen Sinne gab es nicht, da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, aber die Forscher kontrollierten statistisch für Faktoren wie Alter, Geschlecht und bestehende Erkrankungen, um Verzerrungen zu minimieren.
Die zentralen Ergebnisse sind spannend: Die Studie fand heraus, dass ein BMI im Bereich von 25 bis 29,9 – also im leicht übergewichtigen Bereich – mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit assoziiert war als ein BMI unter 18,5 (Untergewicht) oder über 30 (starkes Übergewicht). Konkret hatten Teilnehmer mit einem BMI unter 18,5 eine um 35% höhere Sterblichkeitsrate (Hazard Ratio: 1,35; 95%-Konfidenzintervall: 1,12–1,62; p < 0,01) im Vergleich zur Referenzgruppe mit einem BMI von 25–29,9. Bei einem BMI über 30 war die Sterblichkeitsrate um 28% erhöht (Hazard Ratio: 1,28; 95%-Konfidenzintervall: 1,05–1,54; p < 0,05). Diese Zahlen deuten darauf hin, dass ein moderates Übergewicht in diesem Alter möglicherweise schützend wirkt, während Untergewicht und starkes Übergewicht das Risiko erhöhen. Die Ergebnisse waren statistisch signifikant, auch nach Adjustierung für Begleiterkrankungen und andere Faktoren.
Quelle: Rajoua N, Wagner S, Lamiral Z, Sahbatou M, Deleuze JF, How-Kit A (2023). Survival implications of BMI in nonagenarians and centenarians of the CEPH Aging cohort. Experimental Gerontology, Volume/Issue not specified. PubMed-ID: 41895623
Das klingt erst einmal überraschend – ein bisschen Übergewicht als Vorteil? Bevor du das jedoch auf dein eigenes Leben überträgst, lass uns die Ergebnisse genauer einordnen und hinterfragen, was sie wirklich bedeuten.
Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung
Jetzt, da du die Studie kennst, lass uns einen Schritt zurücktreten und die Ergebnisse mit klarem Kopf betrachten. Zunächst einmal: Statistisch signifikant heisst nicht automatisch, dass es für dich persönlich relevant ist. Die Hazard Ratios zeigen einen Zusammenhang zwischen BMI und Überleben, aber sie sagen nichts darüber aus, ob ein paar Kilo mehr oder weniger dein Leben direkt verlängern oder verkürzen. Statistisch gesehen mag ein BMI von 25–29,9 „besser“ sein, aber klinisch – also im echten Leben – hängt das von vielen individuellen Faktoren ab, die über den BMI hinausgehen.
Was wurde eigentlich gemessen? Die Studie fokussiert sich auf das Überleben als harten Endpunkt – das ist eine Stärke, denn es ist ein direkt messbares Ergebnis, kein Surrogatparameter wie ein Blutwert. Dennoch bleibt die Frage, was „Überleben“ in diesem Kontext bedeutet. Die Studie unterscheidet nicht zwischen einem langen Leben mit hoher Lebensqualität und einem Leben mit schweren Einschränkungen. Das ist eine Grenze, die du im Kopf behalten solltest.
Methodisch ist die Studie solide: Die grosse Stichprobe von 1’200 Teilnehmern und die lange Beobachtungszeit stärken die Aussagekraft. Auch die statistische Adjustierung für Störfaktoren wie Alter und Vorerkrankungen ist ein Pluspunkt. Doch es gibt Schwächen: Der BMI wurde teilweise per Selbstauskunft erhoben, was zu Ungenauigkeiten führen kann. Zudem ist der BMI an sich ein grober Indikator – er sagt nichts über Muskelmasse, Fettverteilung oder Fitness aus. Eine weitere Grenze ist die Übertragbarkeit: Die Teilnehmer waren Franzosen aus einer spezifischen Kohorte. Wenn du jünger bist, eine andere ethnische Herkunft hast oder in einer anderen Umgebung lebst, könnten die Ergebnisse für dich weniger zutreffen.
Denkwerkzeug: Frag dich selbst: Wie passt mein aktueller BMI zu meinem Gesamtzustand – meiner Kraft, meiner Energie, meiner Mobilität? Der BMI ist nur eine Zahl, aber wie fühlst du dich in deinem Körper? Diese Frage hilft dir, die Relevanz der Studie für dich persönlich einzuordnen.
Doch da ist noch ein Aspekt, den die Studie nicht berücksichtigt hat – und der für dich entscheidend sein könnte: die Rolle deiner Psyche.
Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive
Die Studie liefert wertvolle Daten zum BMI, aber sie schaut nur auf den Körper – nicht auf den Geist. Und genau hier setzt das psychophysiologische Interaktionsmodell von Jürg Hösli an. Es ist gut denkbar, dass nicht nur das Gewicht, sondern auch deine innere Haltung, dein Stresslevel und deine emotionale Verfassung beeinflussen, wie lange und wie gut du lebst. Chronischer Stress, der über Jahre anhält, wirkt sich messbar auf deinen Stoffwechsel aus – er erhöht Entzündungsmarker, beeinflusst die Cortisol-Achse und kann sogar epigenetische Uhren beschleunigen, die dein biologisches Alter anzeigen. Eine positive Lebenseinstellung hingegen – das Gefühl, im Leben einen Sinn zu haben – wird in Studien immer wieder mit einer längeren Lebensspanne in Verbindung gebracht.
Stell dir vor, du bist im hohen Alter und hast ein paar Kilo zu viel – aber du bist zufrieden, hast soziale Kontakte und fühlst dich nützlich. Könnte das nicht wichtiger sein als ein „idealer“ BMI? Oder umgekehrt: Wenn du untergewichtig bist, weil du dich ständig sorgst und schlecht schläfst, könnte das dein Risiko erhöhen – unabhängig von der Zahl auf der Waage. Die Psyche spielt eine Rolle, die in dieser Studie nicht erfasst wurde, aber für dein Altern entscheidend sein könnte.
Das führt uns zu einem grösseren Bild: Was bedeutet diese Studie im Kontext des Alterns insgesamt?
Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten
Die Studie ist ein wichtiges Puzzlestück, aber kein abschliessendes Urteil. Sie bestätigt das Adipositas-Paradoxon, das in anderen Studien bei älteren Menschen ebenfalls beobachtet wurde: Ein leicht erhöhter BMI könnte in hohem Alter schützend wirken, vielleicht weil er eine Reserve bei Krankheit oder Unterernährung bietet. Doch sie widerspricht nicht der Tatsache, dass ein sehr hoher BMI – über 30 – auch bei Älteren Risiken birgt. Sie steht also im Einklang mit der bestehenden Forschung, ist aber kein Gamechanger.
Was die Finanzierung angeht, gibt es keine Hinweise auf Interessenkonflikte – die Studie wurde im Rahmen der CEPH Aging Cohort durchgeführt, einer akademischen Initiative. Das stärkt ihre Glaubwürdigkeit. Dennoch wurden nicht alle Lebensstilfaktoren kontrolliert. Ernährung, Bewegung, soziale Unterstützung oder psychisches Wohlbefinden wurden nicht systematisch erfasst – und das sind Faktoren, die das Überleben massgeblich beeinflussen können.
Denkwerkzeug: Frag dich: Soll ich basierend auf dieser Studie mein Gewicht anpassen, oder brauche ich mehr Informationen über meine Gesamtsituation – Ernährung, Fitness, emotionale Stabilität? Eine einzelne Studie ist nie die ganze Wahrheit, und dieser Gedanke hilft dir, nicht vorschnell zu handeln.
Schauen wir abschliessend darauf, was das konkret für deinen Alltag bedeutet.
Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz
Was kannst du aus dieser Studie mitnehmen? Hier sind drei konkrete Punkte für deinen Alltag, egal wie alt du gerade bist:
- Strebe kein extremes Untergewicht an: Wenn du älter wirst, könnte eine kleine Reserve an Gewicht hilfreich sein. Achte darauf, dass du ausreichend isst, vor allem proteinreich, um Muskelmasse zu erhalten.
- Vermeide starkes Übergewicht: Ein BMI über 30 war auch bei Hochbetagten mit höheren Risiken verbunden. Wenn du merkst, dass dein Gewicht stark steigt, könnte es sinnvoll sein, mit einem Arzt oder Ernährungsberater zu sprechen.
- Hör auf deinen Körper: Der BMI ist nur eine Zahl. Wichtiger ist, dass du dich fit und energiegeladen fühlst. Beobachte, wie sich Gewichtsschwankungen auf dein Wohlbefinden auswirken.
Was solltest du nicht daraus schliessen? Dass du jetzt zunehmen musst, um länger zu leben. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Überinterpretiere die Ergebnisse nicht, sondern nutze sie als Anlass, deine Gesamtsituation zu reflektieren.
Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für Menschen über 80 oder deren Angehörige, die sich um ein gesundes Altern sorgen. Wenn du jünger bist, sind die Ergebnisse weniger direkt anwendbar, weil dein Körper andere Prioritäten hat. Und vergiss nie: Gesundheit ist ein Zusammenspiel von Körper und Geist. Dein Stresslevel, deine Lebensfreude und deine Überzeugungen beeinflussen dein Altern genauso wie dein BMI. Der ganzheitliche Ansatz von Jürg Hösli erinnert uns daran, dass ein langes Leben nicht nur eine Frage der Waage ist, sondern auch davon, wie du denkst und fühlst.
Offene Fragen bleiben: Warum genau wirkt ein leicht erhöhter BMI schützend? Liegt es an der Energiereserve, an hormonellen Effekten oder an etwas anderem? Zukünftige Studien sollten das klären – und idealerweise auch die Rolle der Psyche einbeziehen. Bis dahin: Bleib neugierig auf deinen eigenen Weg zu einem gesunden, erfüllten Leben.