Home/News & Studien/Schlafprobleme trotz Melatonin bei Multiplem Myelom
Multiples MyelomSchlafqualitätMelatoninSchlafstörungenKrebstherapiepsychophysiologieStresschronotherapie KI-analysiert

Schlafprobleme trotz Melatonin bei Multiplem Myelom

Schlafstörungen sind bei Krebspatienten ein grosses Thema. Eine aktuelle Studie beleuchtet die Schlafqualität bei Multiplem Myelom und die überraschende Rolle von Melatonin. Warum die Ergebnisse dich zum Nachdenken anregen und was das für deinen Alltag heisst.

9 Min. Lesezeit12 Aufrufe30. März 2026
Schlafprobleme trotz Melatonin bei Multiplem Myelom

1. Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Stell dir vor, du kämpfst gegen eine schwere Krankheit, und dann raubt dir auch noch der Schlaf die Kraft. Eine solche Situation ist leider die Realität für viele Krebspatienten. Schlafstörungen sind nicht nur unangenehm, sie beeinträchtigen die Lebensqualität massiv und können den Genesungsprozess zusätzlich erschweren. Doch wie genau sieht es mit der Schlafqualität bei Patienten mit Multiplem Myelom aus, einer Form von Knochenmarkkrebs, die oft übersehen wird, wenn es um Schlafstörungen geht?

Genau dieser Frage ist ein brasilianisches Forschungsteam der Federal University of Paraná (UFPR) nachgegangen. Maria Fiori und ihre Kollegen haben in einer beobachtenden Studie die Schlafprofile von Patienten mit Multiplem Myelom (MM) charakterisiert und gleichzeitig das therapeutische Potenzial von extern zugeführtem Melatonin untersucht. Ihre Erkenntnisse, publiziert im Journal Physiological Reports, könnten wichtige Implikationen für die Betreuung dieser Patientengruppe haben.

Für ihre Untersuchung rekrutierten die Forschenden 46 Patienten mit Multiplem Myelom und verglichen deren Schlafverhalten mit dem von 64 altersangepassten Kontrollpersonen. Das Studiendesign war eine Beobachtungsstudie, was bedeutet, dass die Forschenden die bestehenden Bedingungen lediglich erfassten und nicht aktiv in die Therapie eingriffen, um kausale Zusammenhänge zu beweisen. Solche Studien sind wertvoll, um Muster und Zusammenhänge zu erkennen, bedürfen aber weiterer experimenteller Forschung, um Ursache und Wirkung klar zu belegen.

Die Schlafqualität wurde mithilfe des Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI) bewertet, einem international anerkannten Fragebogen, der verschiedene Aspekte des Schlafs erfasst, darunter Einschlafzeit, Schlafdauer, Schlafstörungen und Medikamenteneinsatz. Die Tagesschläfrigkeit wurde zusätzlich mit der Epworth Sleepiness Scale (ESS) gemessen. Ein Teil der MM-Patienten und der Kontrollgruppe nahm bereits Melatonin-Nahrungsergänzungsmittel ein, was den Forschenden die Möglichkeit gab, auch dessen Einfluss zu untersuchen.

Die Ergebnisse waren deutlich: MM-Patienten zeigten eine signifikant schlechtere globale Schlafqualität als die Kontrollgruppe (p = 0.034). Erschreckende 75% der Patienten litten unter schlechter Schlafqualität oder diagnostizierten Schlafstörungen. Insbesondere die Einschlafzeit (p = 0.011), die Schlafdauer (p = 0.0013) und der Gebrauch von Schlafmedikamenten (p = 0.0056) waren bei den MM-Patienten beeinträchtigt. Überraschend war jedoch, dass die Einnahme von externem Melatonin die Schlafqualität bei den MM-Patienten nicht verbesserte. Im Gegenteil: Bei den Kontrollpersonen war Melatonin sogar mit einer verschlechterten PSQI-Punktzahl assoziiert. Interessanterweise gab es keine signifikanten Unterschiede in der Tagesschläfrigkeit (ESS-Scores) zwischen den Gruppen oder durch die Melatonin-Einnahme (p = 0.58). Dies deutet auf eine Entkopplung zwischen subjektiver Schlafqualität und objektiver Tagesschläfrigkeit hin.

Diese Studie liefert die erste systematische Charakterisierung von Schlafstörungen bei Multiplem Myelom und etabliert schlechte Schlafqualität als ein häufiges Merkmal dieser Erkrankung. Auch wenn Melatonin spezifische Schlafparameter beeinflusste, war seine Wirksamkeit bei der Verbesserung der globalen Schlafqualität begrenzt. Dies unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschung zu standardisierten chronotherapeutischen Ansätzen zur Behandlung von Schlaf-Wach-Störungen in dieser Bevölkerungsgruppe.

Quelle: Fiori M, de Azevedo EM, Rodrigues LS, Turt KS, Bruschi DP, Lima MMS (2026). Sleep quality and sleepiness in adults with multiple myeloma. Is melatonin a potential treatment? Physiological Reports, 14(5):e70805. PubMed-ID: 41814853

_

2. Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Die Ergebnisse dieser Studie sind auf den ersten Blick ernüchternd, besonders für alle, die auf Melatonin als Wundermittel für besseren Schlaf hoffen. Doch schauen wir genauer hin, was die Zahlen wirklich bedeuten und was sie dir über deine eigene Schlafqualität verraten können.

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass die Studie einen signifikanten Unterschied in der Schlafqualität der MM-Patienten feststellte. Ein p-Wert von 0.034 für die globale PSQI-Punktzahl bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, ein solches Ergebnis zufällig zu erhalten, gering ist. Es ist statistisch signifikant. Aber bedenke: Du bist kein Durchschnitt. Die grosse Mehrheit der MM-Patienten hatte schlechten Schlaf, aber nicht jeder. Und ein statistisch signifikanter Unterschied ist nicht automatisch klinisch bedeutsam. Die Studienergebnisse zeigen, dass das Problem existiert, aber nicht unbedingt, wie stark es jeden Einzelnen betrifft oder wie dringend eine Intervention ist, besonders wenn andere Faktoren im Spiel sind.

Die Forschenden haben mit dem PSQI und der ESS anerkannte Instrumente verwendet, um die Schlafqualität und Tagesschläfrigkeit zu messen. Das sind jedoch beides subjektive Fragebögen. Sie erfassen, wie die Probanden ihren Schlaf empfinden. Das ist wichtig, denn die empfundene Qualität hat grossen Einfluss auf das Wohlbefinden. Aber es ist keine objektive Messung wie eine Polysomnographie im Schlaflabor, die Hirnwellen, Augenbewegungen und Muskelaktivität misst. Die Diskrepanz zwischen der schlechten Schlafqualität (PSQI) und der unveränderten Tagesschläfrigkeit (ESS) ist ein gutes Beispiel dafür, wie subjektive Wahrnehmung von der objektiven Realität abweichen kann oder wie komplex Schlafstörungen sein können.

Die Studie ist eine Beobachtungsstudie. Das heisst, sie kann Korrelationen aufzeigen – zum Beispiel, dass MM-Patienten schlechter schlafen. Sie kann aber keine direkten Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen. Wir wissen nicht, ob das Multiple Myelom selbst direkt den Schlaf stört, oder ob Begleiterscheinungen wie Schmerzen, Angst, Medikamentennebenwirkungen oder die psychische Belastung durch die Diagnose die Hauptursache sind. Auch die Aussage zur Melatonin-Einnahme ist eine Korrelation: Bei den Kontrollen war Melatonin mit schlechteren PSQI-Scores verbunden. Das heisst nicht, dass Melatonin den Schlaf schlechter macht, sondern nur, dass Menschen, die Melatonin nehmen, möglicherweise schon vorher schlechter geschlafen haben und es deshalb einnehmen. Eine randomisierte, placebokontrollierte Interventionsstudie wäre nötig, um die Wirkung von Melatonin wirklich zu beurteilen.

Die Stichprobengrösse von 46 MM-Patienten und 64 Kontrollen ist für eine erste Charakterisierungsstudie in Ordnung, aber nicht riesig. Die Ergebnisse sind spezifisch für diese Gruppe von Patienten in Brasilien. Die Übertragbarkeit auf andere Populationen oder Menschen ohne Krebserkrankung ist begrenzt. Und es wurden keine weiteren Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Bewegung, Stressmanagement oder andere Medikamente systematisch erfasst, die alle einen erheblichen Einfluss auf den Schlaf haben können.

Dein Denkwerkzeug: Wenn du eine Schlafstörung hast und über Nahrungsergänzungsmittel nachdenkst, frage dich: Welche anderen Faktoren in meinem Leben könnten meinen Schlaf beeinflussen, die ich bisher nicht beachtet habe? Und messe ich meinen Schlaf objektiv oder nur meinem Gefühl nach?

3. Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

Hier kommen wir zum Kern dessen, was wir auf Jürg Höslis Plattform immer wieder betonen: Psyche und Körper sind untrennbar miteinander verbunden. Gerade bei Schlafproblemen und schweren Erkrankungen wie dem Multiplen Myelom ist es unmöglich, die psychophysiologische Dimension zu ignorieren.

Die Studie zeigt, dass 75% der MM-Patienten unter schlechter Schlafqualität leiden. Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Aber was steckt dahinter? Es ist gut denkbar, dass die reine Diagnose „Krebs“ eine massive Stressreaktion auslöst. Angst vor der Krankheit, der Behandlung, der Zukunft, Schmerzen, Übelkeit und andere Nebenwirkungen der Therapie – all das aktiviert das sympathische Nervensystem, erhöht den Cortisolspiegel und macht es dem Körper unmöglich, in den erholsamen Schlafmodus zu finden. Die Gedanken kreisen, man grübelt, und der Schlaf wird zum Schlachtfeld.

Gerade bei Melatonin-Studien ist der Placebo- und Nocebo-Effekt von enormer Bedeutung. Melatonin ist das „Schlafhormon“, und viele Menschen haben die Erwartung, dass es wirkt. Wenn diese Erwartung stark genug ist, kann sie physiologische Veränderungen auslösen, die den Schlaf verbessern – unabhängig von der eigentlichen pharmakologischen Wirkung. Umgekehrt: Wenn Melatonin bei MM-Patienten nicht wirkt, könnte dies daran liegen, dass die psychische Belastung durch die Krankheit und die Therapie so überwältigend ist, dass selbst ein potenziell wirksames Mittel nicht gegen den massiven psychophysiologischen Stress ankommt. Der Körper steht unter Dauerstrom, und das lässt sich nicht einfach mit einer Pille abschalten.

Die Beobachtung, dass Melatonin bei der Kontrollgruppe sogar mit schlechteren PSQI-Scores assoziiert war, ist faszinierend. Dies könnte auf einen Nocebo-Effekt hindeuten: Wenn Menschen, die Melatonin nehmen, sowieso schon schlechter schlafen und es vielleicht nicht die erwartete Wirkung zeigt, könnte dies ihre Überzeugung verstärken, dass ihr Schlaf „kaputt“ ist, was wiederum den Schlaf weiter verschlechtert. Oder es könnte sein, dass diese Kontrollpersonen bereits schwerere Schlafstörungen hatten und Melatonin nur als letzte Rettung sahen, die dann nicht die erhoffte Wirkung zeigte. Die Erwartungshaltung und die emotionale Verfassung spielen hier eine entscheidende Rolle, die in subjektiven Fragebögen miterfasst wird.

Die psychische Belastung durch eine Krebserkrankung ist ein massiver Faktor, der in dieser Studie nicht explizit gemessen wurde, aber zweifellos die Ergebnisse beeinflusst. Chronischer Stress verändert die gesamte Hormonachse, beeinflusst Entzündungsmarker und kann die Schlafarchitektur nachhaltig stören. Es ist also nicht nur der körperliche Zustand, sondern auch die innere Haltung, die Angst, die Hoffnung und die Erwartung, die den Schlaf massgeblich prägen.

4. Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Diese Studie ist ein wichtiges Puzzleteil, aber eben nur ein Puzzleteil. Sie bestätigt, was viele Ärzte und Patienten intuitiv wissen: Krebserkrankungen gehen oft mit erheblichen Schlafstörungen einher. Die detaillierte Charakterisierung bei Multiplem Myelom füllt hier eine Forschungslücke.

Die Finanzierung der Studie erfolgte durch die brasilianische Regierung (CAPES, CNPq), was die Unabhängigkeit der Forschenden unterstreicht. Es gab keine Hinweise auf Interessenkonflikte, was die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse stärkt. Das ist wichtig, denn gerade bei Nahrungsergänzungsmitteln wie Melatonin gibt es oft kommerzielle Interessen, die die Forschung beeinflussen können.

Diese Studie widerspricht teilweise der allgemeinen Annahme, dass Melatonin ein „harmloses“ und wirksames Schlafmittel ist. Während Melatonin in der Tat bei bestimmten Schlafstörungen (z.B. Jetlag oder verzögertem Schlafphasensyndrom) hilfreich sein kann, zeigt diese Untersuchung, dass es kein Allheilmittel ist, insbesondere nicht bei komplexen Schlafstörungen im Kontext schwerer Erkrankungen. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Ursachen von Schlafproblemen vielschichtiger sind, als es eine einfache Hormonergänzung lösen könnte.

Was wurde nicht kontrolliert? Eine ganze Menge! Die Studie erfasste nicht im Detail die spezifischen Behandlungsmodalitäten der MM-Patienten (Chemotherapie, Bestrahlung, Stammzelltransplantation), die alle ihre eigenen Nebenwirkungen und Auswirkungen auf den Schlaf haben. Auch Schmerzmanagement, Ernährungsstatus, körperliche Aktivität, die Einnahme anderer Medikamente (z.B. Steroide, die den Schlaf stören können) und vor allem der Grad des psychischen Stresses und der Angst wurden nicht systematisch erfasst. All diese Faktoren können die Schlafqualität erheblich beeinflussen und hätten die Ergebnisse möglicherweise noch differenzierter erscheinen lassen.

Dein Denkwerkzeug: Wenn du überlegst, ein Supplement gegen ein Problem einzunehmen, frage dich: Welche anderen, möglicherweise unkontrollierten Faktoren in meinem Leben könnten das Problem verursachen oder verstärken? Ist das Supplement die einzige Lösung, die ich in Betracht ziehe?

5. Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Diese Studie ist ein wichtiger Weckruf, besonders wenn du selbst oder jemand in deinem Umfeld mit Schlafproblemen kämpft. Hier sind 2–3 konkrete Erkenntnisse, die du mitnehmen kannst:

  • Schlafprobleme ernst nehmen: Wenn du eine chronische Krankheit hast, sind Schlafstörungen wahrscheinlich und sollten nicht abgetan werden. Sprich mit deinem Arzt darüber und suche nach umfassenden Lösungen, die über eine einfache Pille hinausgehen.
  • Melatonin ist kein Wundermittel: Die Studie zeigt, dass die Wirkung von Melatonin begrenzt sein kann, insbesondere wenn tiefere Ursachen wie Krankheit oder starker Stress vorliegen. Es ist wichtig, realistische Erwartungen zu haben und nicht blind auf Supplemente zu vertrauen.
  • Den Kontext betrachten: Deine Schlafqualität ist ein Spiegel deines gesamten Lebensstils und deiner psychischen Verfassung. Bevor du zu Mitteln greifst, analysiere, was in deinem Leben Stress, Sorgen oder ungesunde Gewohnheiten verursacht, die deinen Schlaf stören könnten.

Was solltest du aus dieser Studie NICHT schliessen? Schliesse nicht voreilig, dass Melatonin generell unwirksam oder sogar schädlich ist. Die Studie hatte methodische Einschränkungen und untersuchte eine spezifische Patientengruppe. Für bestimmte Schlafstörungen kann Melatonin durchaus eine sinnvolle Option sein, aber es sollte immer im Kontext der individuellen Situation und idealerweise nach Rücksprache mit einem Arzt betrachtet werden.

Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für Menschen mit chronischen Krankheiten, die unter Schlafstörungen leiden, aber auch für jeden, der seine Schlafqualität verbessern möchte. Sie erinnern uns daran, dass Gesundheit immer ein Zusammenspiel von Körper und Geist ist. Dein Körper reagiert nicht nur auf das, was du isst oder wie du dich bewegst, sondern auch auf das, was du denkst und fühlst. Die psychische Belastung durch Krankheit kann so überwältigend sein, dass selbst physiologische Hilfen wie Melatonin ihre Wirkung verlieren.

Welche Fragen bleiben offen? Es wäre spannend zu sehen, wie eine umfassende chronotherapeutische Intervention aussieht, die neben pharmakologischen Ansätzen auch psychologische Unterstützung, Stressmanagement und Lebensstiländerungen integriert. Solche Studien könnten uns noch besser zeigen, wie wir den Schlaf bei komplexen Erkrankungen wirklich verbessern können.

Bleib neugierig, höre auf deinen Körper und vergiss nie: Dein Geist ist ein mächtiger Verbündeter auf dem Weg zu besserer Gesundheit und erholsamerem Schlaf.

Wissenschaftliche Quelle

Physiological reports