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GLP-1-Agonisten und dein Stoffwechsel: Was wissen wir über den Energieverbrauch?

GLP-1-Agonisten sind in aller Munde, wenn es um Gewichtsmanagement geht. Doch beeinflussen sie auch direkt, wie viel Energie dein Körper verbrennt? Eine neue Übersichtsarbeit beleuchtet, was die Wissenschaft dazu sagt und wo noch Fragezeichen stehen.

8 Min. Lesezeit13 Aufrufe17. März 2026
GLP-1-Agonisten und dein Stoffwechsel: Was wissen wir über den Energieverbrauch?

Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Vielleicht hast du schon davon gehört: Medikamente aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten, wie Semaglutid oder Liraglutid, sind zu einem heiss diskutierten Thema geworden. Ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, zeigen sie beeindruckende Effekte beim Gewichtsverlust und werden heute vielen Menschen mit Adipositas verschrieben. Doch wie genau wirken diese Medikamente? Es ist bekannt, dass sie das Sättigungsgefühl steigern und die Magenentleerung verlangsamen, was dazu führt, dass du weniger isst.

Aber was ist mit dem Energieverbrauch deines Körpers? Verbrennt dein Körper unter dem Einfluss dieser Medikamente auch mehr Kalorien? Diese Frage ist entscheidend, denn ein niedrigerer Energieverbrauch nach einer Gewichtsabnahme ist oft der Grund, warum es so schwerfällt, das reduzierte Gewicht langfristig zu halten. Ein Team um die Erstautoren Vieira und Deng von der University of Alberta in Kanada hat sich dieser Frage angenommen und eine umfassende Übersichtsarbeit, ein sogenanntes Scoping Review, durchgeführt. Sie wollten herausfinden, welche Effekte GLP-1-Rezeptoragonisten – sowohl allein als auch in Kombination mit anderen Wirkstoffen – auf den Energieverbrauch des Menschen haben.

Für ihre Analyse durchforsteten die Forschenden mehrere grosse medizinische Datenbanken (MEDLINE, EMBASE, CINAHL, Web of Science, ProQuest, Cochrane Library) nach Studien, die bis Oktober 2025 veröffentlicht wurden. Sie suchten nach Untersuchungen, die den Einfluss von GLP-1-Agonisten auf den Energieverbrauch bei Menschen untersuchten. Insgesamt wurden 23 Studien in die Auswertung einbezogen. Zehn davon untersuchten GLP-1-Agonisten als Monotherapie (einzelner Wirkstoff), während 13 Studien Kombinationstherapien betrachteten. Die Art der verwendeten Medikamente war dabei sehr heterogen, darunter Exenatide, Liraglutide und Semaglutide. Die meisten Studien massen den Ruheumsatz (RMR), also die Energie, die der Körper in völliger Ruhe verbraucht. Nur vier Studien nutzten die sehr genaue 24-Stunden-Ganzkörper-Kalorimetrie, und keine einzige Studie verwendete die noch präzisere Methode des doppelt markierten Wassers.

Die zentralen Ergebnisse waren überraschend: Acht der 23 Studien (34.8%) kamen zu dem Schluss, dass GLP-1-Agonisten, ob als Einzel- oder Kombinationstherapie, keine signifikanten Auswirkungen auf den Energieverbrauch hatten, die unabhängig vom Gewichtsverlust wären. Elf Studien (47.8%) lieferten aufgrund der angewandten statistischen Analysen sogar inkonklusive Ergebnisse. Lediglich die Kombination mit Glucagon zeigte unterschiedliche Effekte auf einzelne Komponenten des Energieverbrauchs, und die Kombination mit GIP (Glucose-dependent insulinotropic polypeptide) schien die Fettverbrennung zu steigern. Die Schlussfolgerung der Autoren: Akute oder chronische GLP-1-Agonisten-Monotherapie scheint den Energieverbrauch nicht unabhängig vom Gewichtsverlust zu beeinflussen. Kombinationen mit Glucagon oder GIP könnten jedoch spezifische Effekte haben, die weitere Forschung erfordern.

Quelle: Vieira FT, Deng Z, Muller MJ, Bergamasco GGL, Cawsey S, Manco M, Heymsfield SB, Prado CM, Haqq AM (2026). Effects of Glucagon-Like Peptide-1 Receptor Agonists (Mono and Combination Therapy) on Energy Expenditure: A Scoping Review. Obesity reviews : an official journal of the International Association for the Study of Obesity. PubMed-ID: 41782395

Das ist eine wichtige Erkenntnis, die uns hilft, die Wirkweise dieser Medikamente besser zu verstehen. Aber was bedeuten diese Ergebnisse wirklich für dich und deinen Körper?

Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Diese Übersichtsarbeit ist ein wichtiges Puzzleteil im Verständnis der GLP-1-Agonisten. Sie beleuchtet eine oft übersehene Frage: Geht es beim Gewichtsverlust nur um weniger Kalorienaufnahme, oder spielen diese Medikamente auch eine Rolle bei der Kalorienverbrennung?

Wenn du dir die Ergebnisse ansiehst, fällt auf, dass ein Grossteil der Studien keine unabhängige Wirkung auf den Energieverbrauch feststellen konnte. Das bedeutet: Der Gewichtsverlust, den viele Menschen mit GLP-1-Agonisten erleben, scheint primär darauf zurückzuführen zu sein, dass sie weniger essen und ihr Appetit reduziert wird. Dein Körper verbrennt also nicht plötzlich mehr Kalorien, nur weil du diese Medikamente nimmst.

Ein wichtiger Punkt, den du dir merken solltest: Grosse Studien liefern oft Durchschnittswerte. Wenn es heisst, dass Effekte statistisch nicht signifikant waren, bedeutet das, dass der beobachtbare Unterschied so klein war, dass er auch zufällig hätte auftreten können. Das ist wichtig, denn «statistisch signifikant» ist nicht dasselbe wie «klinisch bedeutsam». Ein winziger Effekt auf den Energieverbrauch mag statistisch nachweisbar sein, aber für deinen Alltag und deine Gesundheit vielleicht irrelevant. In dieser Analyse wurde ja sogar bei einem Grossteil der Studien kein statistisch signifikanter Effekt gefunden.

Die methodische Qualität der einbezogenen Studien ist ebenfalls ein Punkt, den die Autoren hervorheben. Die meisten Studien massen den Ruheumsatz, was eine Momentaufnahme ist. Nur wenige Studien verwendeten Methoden, die den Energieverbrauch über 24 Stunden abbilden können. Das ist ein Schwachpunkt, denn unser Energieverbrauch schwankt über den Tag stark. Der Goldstandard, die Methode des doppelt markierten Wassers, wurde gar nicht eingesetzt. Das zeigt, dass die Forschung hier noch am Anfang steht und präzisere Messmethoden benötigt werden, um wirklich belastbare Aussagen treffen zu können.

Dein Denkwerkzeug: Stell dir die Frage: Wenn diese Medikamente hauptsächlich durch die Reduzierung des Appetits wirken, welche Rolle spielen dann meine Essgewohnheiten und mein Lebensstil im gesamten Prozess des Gewichtsmanagements?

Die Ergebnisse dieser Analyse fordern uns heraus, über die rein pharmakologische Wirkung hinauszudenken und die komplexen Zusammenhänge von Körper und Geist zu betrachten.

Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

Hier kommen wir zum Kern dessen, was wir auf der Plattform von Jürg Hösli betonen: Dein Körper ist keine Maschine, die isoliert funktioniert. Psyche und Physiologie sind untrennbar miteinander verbunden. Selbst wenn GLP-1-Agonisten den Energieverbrauch nicht direkt steigern, gibt es psychophysiologische Faktoren, die den Erfolg der Therapie massgeblich beeinflussen können.

Denke an den Placebo-Effekt: Allein die Überzeugung, dass ein Medikament wirkt, kann messbare physiologische Veränderungen hervorrufen. Wenn du GLP-1-Agonisten nimmst und fest daran glaubst, dass sie dir helfen werden, Gewicht zu verlieren, kann diese positive Erwartungshaltung deinen Erfolg verstärken. Das ist kein Zauber, sondern ein nachgewiesener Effekt, der über Neurotransmitter und Hormonsysteme wirkt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Motivation und Selbstwirksamkeit. Wenn du durch die Medikamente erste Erfolge beim Abnehmen siehst, kann das deine Motivation stärken, auch andere positive Verhaltensweisen beizubehalten oder zu starten – sei es eine bewusstere Ernährung oder mehr Bewegung. Diese gestärkte Selbstwirksamkeit kann dann wiederum zu einem nachhaltigeren Gewichtsverlust beitragen, unabhängig vom direkten Effekt des Medikaments auf den Energieverbrauch.

Auch dein Stresslevel und deine emotionalen Essgewohnheiten spielen eine Rolle. GLP-1-Agonisten können zwar den physiologischen Hunger dämpfen, aber sie adressieren nicht unbedingt emotionales Essen, das durch Stress, Langeweile oder Traurigkeit ausgelöst wird. Wenn du lernst, mit diesen emotionalen Triggern umzugehen und deine Stressreaktion zu regulieren, kann das den Erfolg der medikamentösen Therapie erheblich unterstützen.

Es ist also gut denkbar, dass die psychische Komponente – deine Erwartungen, deine Motivation, dein Stressmanagement – einen erheblichen Beitrag zum Therapieerfolg leistet, auch wenn die Medikamente den Energieverbrauch nicht direkt beeinflussen. Dein Körper reagiert auf das, was du denkst und fühlst, und das ist ein Faktor, der in rein physiologisch orientierten Studien oft nicht erfasst wird.

Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Diese Scoping Review gibt uns einen wichtigen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu GLP-1-Agonisten und dem Energieverbrauch. Sie zeigt klar auf, dass die Annahme, diese Medikamente würden den Stoffwechsel ankurbeln, nicht durch die vorliegenden Daten gestützt wird – zumindest nicht unabhängig vom Gewichtsverlust selbst.

Es ist interessant zu sehen, dass die Studie in einem renommierten Fachjournal, den „Obesity Reviews“, veröffentlicht wurde. Die beteiligten Forschungsinstitutionen sind namhaft, darunter die University of Alberta und das Pennington Biomedical Research Center. Die Finanzierung der Studie wird nicht explizit genannt, aber die hohe Anzahl an Autoren aus verschiedenen Institutionen deutet auf eine unabhängige, akademische Forschung hin. Das ist ein gutes Zeichen für die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse.

Diese Studie bestätigt im Wesentlichen, dass der Hauptmechanismus des Gewichtsverlusts bei GLP-1-Agonisten in der Reduzierung der Kalorienaufnahme liegt. Sie widerspricht damit möglicherweise einer verbreiteten, aber falschen Annahme, dass diese Medikamente auch den Energieverbrauch signifikant erhöhen. Das ist wichtig, um realistische Erwartungen an die Therapie zu haben.

Was in den meisten Studien nicht kontrolliert wurde, sind die vielfältigen Lebensstilfaktoren, die den Energieverbrauch beeinflussen. Wie ist es mit der körperlichen Aktivität der Teilnehmer? Hat sich diese während der Medikamenteneinnahme verändert? Auch die Zusammensetzung der Ernährung, der Schlaf und das Stresslevel können den Stoffwechsel beeinflussen, wurden aber in den primären Studien oft nicht detailliert erfasst oder kontrolliert. Das ist keine Kritik an den Forschenden, da jede Studie Grenzen haben muss, aber es ist wichtig für uns zu wissen, welche Aspekte ausser Acht gelassen wurden.

Dein Denkwerkzeug: Überlege dir: Wenn eine Studie hauptsächlich die Wirkung eines Medikaments untersucht, welche anderen Aspekte meines Lebensstils könnten dann ebenfalls einen grossen Einfluss auf meinen Körper und mein Wohlbefinden haben, die in dieser Studie vielleicht nicht berücksichtigt wurden?

Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Was nimmst du nun aus dieser umfassenden Analyse mit? Hier sind 2–3 konkrete Erkenntnisse für deinen Alltag:

  1. Fokus auf die Kalorienaufnahme: Wenn du GLP-1-Agonisten einnimmst oder darüber nachdenkst, zu beachten: Ihr Hauptmechanismus ist die Reduzierung des Appetits und damit der Kalorienaufnahme. Verstehe, dass die Medikamente nicht primär deinen Energieverbrauch steigern. Das unterstreicht die Wichtigkeit, weiterhin auf eine ausgewogene Ernährung zu achten und deinen Körper mit den nötigen Nährstoffen zu versorgen, auch wenn du weniger isst.
  2. Die Macht deiner Gedanken: Deine Erwartungen und deine mentale Einstellung spielen eine grössere Rolle, als du vielleicht denkst. Eine positive Haltung und der Glaube an den Erfolg können die Wirkung der Medikamente psychophysiologisch unterstützen. Nimm dir bewusst Zeit, deine Fortschritte wertzuschätzen und deine innere Überzeugung zu stärken.
  3. Ganzheitlicher Ansatz bleibt entscheidend: Auch wenn Medikamente helfen können, ist ein ganzheitlicher Ansatz für langfristigen Erfolg unerlässlich. Achte auf ausreichend Bewegung, guten Schlaf und effektives Stressmanagement. Diese Faktoren beeinflussen deinen Stoffwechsel und dein Wohlbefinden massgeblich, unabhängig von Medikamenten.

Was solltest du nicht daraus schliessen? Diese Studie ist kein Grund, die Wirksamkeit von GLP-1-Agonisten beim Gewichtsverlust in Frage zu stellen. Sie präzisiert lediglich den Wirkmechanismus. Es wäre falsch, zu denken, die Medikamente seien nutzlos, nur weil sie den Energieverbrauch nicht direkt steigern. Sie sind ein wertvolles Werkzeug im Rahmen eines umfassenden Gewichtsmanagements.

Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für Menschen, die GLP-1-Agonisten zur Gewichtsreduktion oder Diabetesbehandlung nutzen. Sie hilft, realistische Erwartungen zu entwickeln und die Therapie durch bewusste Lebensstilentscheidungen zu ergänzen. Für Menschen, die keine Medikamente nehmen, bestätigt es einmal mehr, wie wichtig das Zusammenspiel von Ernährung, Bewegung und mentaler Einstellung für den Stoffwechsel ist.

Der psychophysiologische Gedanke zum Schluss: Dein Körper ist ein komplexes System, das nicht nur auf chemische Botenstoffe reagiert, sondern auch auf deine Gedanken, Gefühle und Überzeugungen. Wenn du beginnst, diese Zusammenhänge zu verstehen, erhältst du eine viel grössere Kontrolle über deine Gesundheit. Die Wissenschaft liefert uns wertvolle Puzzleteile, aber das Gesamtbild entsteht erst, wenn wir den Menschen als Ganzes betrachten.

Welche Fragen bleiben offen? Die Forschung wird sich nun verstärkt den Kombinationspräparaten widmen und genauer untersuchen, welche Synergien dort entstehen können. Es wird spannend zu sehen, welche neuen Erkenntnisse uns die Zukunft in diesem Bereich noch bringen wird.

Bleib neugierig, bleib achtsam und hör auf deinen Körper – er erzählt dir mehr, als du denkst.

Wissenschaftliche Quelle

Obesity reviews : an official journal of the International Association for the Study of Obesity