Extremer Tetrathlon: Wie ein Athlet 18,5 Stunden Leistung und Ernährung meistert
Ein seltener Einblick in die Glukosedynamik und Ernährungsstrategien eines Athleten während eines extremen 18,5-stündigen Tetrathlons. Was passiert im Körper, wenn du deine Grenzen auslotest und wie wichtig ist die richtige Verpflegung?
Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?
Stell dir vor, du absolvierst einen Marathon – und das ist nur ein kleiner Teil deines Trainings für einen Wettkampf, der dich über Hunderte von Kilometern und mehrere Disziplinen fordert. Ultra-Ausdauersport ist eine Disziplin, die den Körper und Geist an seine absoluten Grenzen bringt. Doch wie ernährt man sich eigentlich richtig, wenn man 18,5 Stunden lang Höchstleistungen erbringen muss? Und was passiert dabei mit dem Blutzucker, der Energiezentrale deines Körpers?
Genau diese Fragen hat sich ein schwedisches Forschungsteam gestellt und einen faszinierenden Einblick in die Physiologie eines Amateur-Ultra-Ausdauersportlers gewährt. Sie haben einen 37-jährigen Athleten begleitet, der sich einer extremen Herausforderung stellte: einem sogenannten «Schwedischen Klassiker» (En Svensk Klassiker) in komprimierter Form. Das heisst, er absolvierte innerhalb von nur 18,5 Stunden die Distanzen von vier traditionellen Langdistanz-Wettkämpfen: 316 km Rennradfahren, 3 km Freiwasserschwimmen, 84 km Skirollerfahren und 30 km Trailrunning. Zwischen den einzelnen Disziplinen gab es Helikoptertransfers, um die Zeit zu optimieren.
Das Besondere an dieser Fallstudie war die Detailtiefe der Datenerfassung. Die Forschenden haben nicht nur jede einzelne Kalorie und Flüssigkeit, die der Athlet zu sich nahm, genau gewogen und dokumentiert, sondern auch seine Blutzuckerwerte mittels eines verdeckten kontinuierlichen Glukosemessgeräts (CGM) über die gesamte Dauer überwacht. Vor und nach dem Event wurden umfassende Labortests durchgeführt, darunter orale Glukosetoleranztests (OGTT) und indirekte Kalorimetrie, um zu sehen, wie sich der Stoffwechsel des Athleten verändert.
Die zentrale Fragestellung war: Wie beeinflusst die ernährungsstrategie die Glukosedynamik während eines solchen extremen Events, und welche Auswirkungen hat das auf den Stoffwechsel am Folgetag? Bisher gab es kaum so detaillierte Daten, die spezifische Ernährungsstrategien mit Blutzuckerverläufen und den Stoffwechselreaktionen nach solchen Belastungen verknüpfen. Es ging darum, eine Referenzbeobachtung zu schaffen, die zukünftigen Athleten und Trainern helfen kann, ihre Ernährungspläne zu optimieren.
Was kam dabei heraus? Der Athlet nahm während des Events insgesamt 5’825 kcal zu sich, davon 1’051 g Kohlenhydrate (entsprechend 13.8 g pro kg Körpergewicht). Das sind durchschnittlich 57 g Kohlenhydrate pro Stunde, wenn man die Transferzeiten mit einrechnet, oder 50 g pro Stunde während der reinen Trainingszeit. Sein Körpergewicht sank um 2.5 kg (-3.8%). Die kontinuierliche Glukosemessung zeigte, dass sein Blutzucker während des Radfahrens, Schwimmens und Skirollerfahrens stabil blieb. Erst beim abschliessenden Trailrunning kam es zu vorübergehenden Unterzuckerungen (Hypoglykämie). Die durchschnittliche Herzfrequenz lag bei moderaten 72 ± 6% der Maximalherzfrequenz, und Magen-Darm-Beschwerden waren minimal. Am Folgetag zeigte der Glukosetoleranztest zwar keine Veränderung der Gesamt-Glukose-Fläche unter der Kurve (AUC), aber einen höheren frühen Peak und einen früheren Nadir. Die indirekte Kalorimetrie deutete auf eine reduzierte Kohlenhydratoxidation (-28%) und eine erhöhte Fettoxidation (+47%) hin. Entzündungs- und Muskelschadenmarker waren erhöht, während Herzmarker im Referenzbereich blieben.
Diese Studie liefert wertvolle Einblicke, wie eine disziplinspezifische Verpflegung, die an die Logistik der einzelnen Etappen angepasst ist, die Kohlenhydratzufuhr und Blutzuckerstabilität in Ultra-Ausdauerwettkämpfen beeinflusst. Ein faszinierender Blick hinter die Kulissen der menschlichen Leistungsfähigkeit.
Quelle: Trinh J, Edin F, Andersson-Hall U, Pettersson S (2026). Case Report: Stage-by-stage fueling, glucose dynamics, and next-day metabolism and biomarker responses after baseline testing in an 18.5-hour Swedish classic tetrathlon. Front Sports Act Living, 8:1733702. PubMed-ID: 41868981
Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung
Diese Fallstudie ist ein Schatz an detaillierten Informationen, aber wie jede wissenschaftliche Untersuchung hat sie ihre Stärken und Grenzen. Eine der grössten Stärken ist die aussergewöhnlich umfassende Datenerfassung: von der genauen Ernährungsdokumentation über die kontinuierliche Glukosemessung bis hin zu den Stoffwechselanalysen vor und nach dem Event. Dies ist selten und bietet einen tiefen Einblick in die komplexen physiologischen Reaktionen während und nach einer extremen Belastung.
Doch es ist wichtig zu verstehen, dass dies eine Einzelfallstudie ist. Die Ergebnisse stammen von einem einzigen, 37-jährigen Amateur-Athleten. Das bedeutet, dass wir nicht einfach verallgemeinern können, dass jeder Körper auf einen solchen Tetrathlon und die gezeigte Ernährungsstrategie exakt gleich reagiert. Jeder Mensch ist anders, und was für diesen Athleten funktioniert hat, muss nicht unbedingt für dich oder jemanden anderen zutreffen. Die beobachteten Veränderungen in der Kohlenhydrat- und Fettoxidation sind zwar interessant, aber es sind eben Beobachtungen an einer Person.
Die Studie konzentriert sich auf «harte» physiologische Messwerte wie Glukose, Herzfrequenz, Körpergewicht und Laborparameter. Das sind wichtige Indikatoren. Allerdings ist es auch entscheidend zu wissen, dass selbst eine «stabile» Glukosedynamik nicht automatisch bedeutet, dass sich der Athlet subjektiv gut gefühlt hat oder dass seine Leistung nicht durch andere Faktoren beeinflusst wurde. Die minimale Angabe zu Magen-Darm-Symptomen ist ein positiver Hinweis, aber es gab keine weiteren detaillierten Berichte über das subjektive Wohlbefinden oder die mentale Verfassung, die in solchen extremen Situationen eine enorme Rolle spielen.
Ein interessanter Punkt ist die Hypoglykämie am Ende des Rennens. Obwohl der Athlet scheinbar ausreichend Kohlenhydrate zugeführt hat, kam es dennoch zu einem Blutzuckerabfall. Das zeigt, dass die schiere Menge an Kohlenhydraten nicht immer die einzige Variable ist. Es spielen auch Resorption, Verstoffwechselung und die individuelle Reaktion des Körpers eine Rolle.
Denkwerkzeug: Wenn du eine ähnliche Leistung in Betracht ziehst oder deine Ernährung optimieren möchtest, frage dich: Wie ähnlich sind meine körperlichen Voraussetzungen, mein Trainingszustand und meine individuellen Stoffwechselreaktionen denen des Athleten aus dieser Studie? Eine Einzelfallstudie kann eine Inspiration sein, aber keine Blaupause für deinen eigenen Körper.
Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive
Hier kommen wir zum Kern dessen, was auf Jürg Höslis Plattform so wichtig ist: die untrennbare Verbindung von Psyche und Körper. Diese Studie ist ein Paradebeispiel dafür, wie selbst in einer extrem physiologisch geprägten Belastungssituation die psychischen Faktoren eine stille, aber mächtige Rolle spielen könnten, auch wenn sie nicht direkt gemessen wurden.
Stell dir vor, du bist in der letzten Phase eines 18,5-stündigen Rennens. Dein Körper ist erschöpft, die Muskulatur schmerzt, und dann siehst du auf deinem kontinuierlichen Glukosemessgerät, wie dein Blutzucker sinkt. Was macht das mit deiner Psyche? Angst, Panik, die Überzeugung, dass du versagen wirst, können einen Nocebo-Effekt auslösen, der die körperliche Erschöpfung noch verstärkt. Umgekehrt könnte das Wissen, dass du eine gute Ernährungsstrategie hast und dein Blutzucker stabil ist, einen Placebo-Effekt erzeugen, der dir hilft, länger durchzuhalten und dich motiviert, auch wenn die körperliche Belastung enorm ist.
Die Tatsache, dass Magen-Darm-Symptome minimal waren, ist nicht nur auf die richtige Ernährung zurückzuführen. Die Erwartung, dass die Verpflegung gut verträglich sein wird, und eine positive mentale Einstellung können die gastrointestinale Funktion beeinflussen. Stress und Angst sind bekanntermassen Faktoren, die den Magen-Darm-Trakt belasten und Symptome wie Übelkeit oder Durchfall auslösen können. Ein Athlet, der mental stark ist und Vertrauen in seine Strategie hat, ist hier klar im Vorteil.
Auch die Hypoglykämie am Ende des Rennens verdient eine psychophysiologische Betrachtung. Ist es denkbar, dass die mentale Erschöpfung, die sich nach so vielen Stunden kumuliert, die Fähigkeit des Körpers, Glukose effizient zu nutzen oder zu mobilisieren, beeinflusst? Chronischer Stress, auch der Stress einer extremen sportlichen Belastung, beeinflusst die Hormonachse und kann die Insulinsensitivität und Glukoseverwertung verändern. Es ist gut vorstellbar, dass die kumulierte mentale und körperliche Erschöpfung zum Ende hin die physiologischen Mechanismen der Glukoseregulation zusätzlich herausfordert.
Diese Studie betont, wie wichtig eine logistikbewusste Ernährungsplanung ist. Aber auch hier spielt die Psyche eine Rolle: Die Fähigkeit, in extremen Stresssituationen einen Plan einzuhalten, ist eine mentale Leistung. Ein Athlet, der mental resilient ist, wird auch unter Druck seine Verpflegungsstrategie konsequenter umsetzen können, selbst wenn der Körper nach einer Pause schreit oder der Geist nach einfacher, schneller Energie verlangt.
Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten
Diese Fallstudie ist ein wertvolles Puzzlestück in der Ultra-Ausdauerforschung, vor allem weil sie eine Lücke schliesst: die detaillierte Kopplung von Verpflegung, Glukosedynamik und Stoffwechsel in einem realen, extremen Wettkampfszenario. Die meisten Studien zu diesem Thema basieren oft auf Laborbedingungen oder weniger umfassenden Datensätzen.
Die Studie wurde vom Center for Health and Performance an der Universität Göteborg in Schweden durchgeführt. Die Autoren haben keine Interessenkonflikte angegeben, was der Glaubwürdigkeit der Ergebnisse zugutekommt. Es ist erfrischend zu sehen, dass hier keine externen, kommerziellen Interessen im Spiel waren, die die Interpretation der Daten beeinflussen könnten.
Im grösseren Kontext bestätigt diese Studie die Wichtigkeit einer hohen Kohlenhydratzufuhr in Ultra-Ausdauerereignissen, wie es auch andere Studien und Sportorganisationen empfehlen. Allerdings zeigt sie auch die Grenzen auf: Selbst mit einer scheinbar adäquaten Zufuhr kann es zu Blutzuckerabfällen kommen, insbesondere in den letzten, physisch und mental anspruchsvollsten Phasen. Dies deutet darauf hin, dass es nicht nur um die schiere Menge geht, sondern auch um das Timing, die Art der Kohlenhydrate und die individuelle Verstoffwechselung.
Was in dieser Studie nicht kontrolliert werden konnte, sind all die unzähligen Lebensstilfaktoren, die die Leistung und Erholung des Athleten beeinflusst haben könnten. Wie war sein Schlaf in den Wochen vor dem Event? Welchen Stress hatte er im Alltag? Wie ist seine generelle Ernährung abseits des Wettkampfs? All diese Variablen sind schwer zu erfassen und können dennoch eine Rolle spielen. Zudem wurde die mentale Verfassung des Athleten nicht systematisch erfasst, obwohl sie in einem solchen Extremereignis von entscheidender Bedeutung ist.
Denkwerkzeug: Wenn du überlegst, deine eigene Ernährungsstrategie für sportliche Leistungen zu ändern, frage dich: Basiert diese Änderung auf einer breiten Evidenzbasis oder auf einer Einzelfallstudie? Und welche anderen Faktoren in meinem Leben könnten den Erfolg dieser Strategie beeinflussen, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden?
Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz
Auch wenn du kein Ultra-Ausdauersportler bist, kannst du aus dieser Studie wichtige Erkenntnisse für deinen Alltag ziehen. Es geht nicht nur darum, extreme Leistungen zu erbringen, sondern auch darum, wie dein Körper auf Belastung reagiert und wie du ihn optimal unterstützen kannst.
- Die Relevanz der Logistik: Die Studie zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, die Verpflegung an die spezifischen Anforderungen der Aktivität anzupassen. Egal ob beim Sport, bei einem langen Arbeitstag oder einer Wanderung: Überlege dir im Voraus, wann und wie du deinem Körper Energie zuführen kannst. Nicht immer lässt sich der ideale Zeitpunkt oder die ideale Form von Nahrung realisieren. Sei flexibel und plane Alternativen ein.
- Blutzuckerstabilität ist der Schlüssel: Auch wenn du keine 18,5 Stunden am Stück Sport machst, ist ein stabiler Blutzuckerspiegel entscheidend für deine Energie, Konzentration und Stimmung. Achte auf eine ausgewogene Ernährung, die dir über den Tag verteilt konstante Energie liefert und starke Blutzuckerschwankungen vermeidet. Die Hypoglykämie am Ende des Rennens zeigt, dass selbst bei scheinbar ausreichender Zufuhr die Grenzen erreicht werden können.
- Dein Körper ist keine Maschine: Der Athlet hat 2.5 kg Körpergewicht verloren. Das ist eine enorme Belastung für den Körper, die nicht spurlos vorübergeht. Auch wenn Laborwerte und Glukose stabil erscheinen, ist es wichtig, auf die Signale deines Körpers zu hören. Erholung und Regeneration sind genauso wichtig wie die Leistung selbst.
- Achte auf dein Bauchgefühl: Die minimalen Magen-Darm-Probleme des Athleten sind ein Erfolg und zeigen, wie wichtig die Verträglichkeit der Nahrung ist. Experimentiere im Training mit verschiedenen Lebensmitteln und Getränken, um herauszufinden, was dein Magen gut verträgt, besonders unter Stress.
Was solltest du NICHT daraus schliessen? Verstehe diese Studie nicht als Anleitung, wie viel Kohlenhydrate du bei deinem nächsten Spaziergang essen musst. Die Mengen sind extrem und auf spezifische, hochintensive Ultra-Ausdauerleistungen zugeschnitten. Nur weil der Athlet am Ende eine Hypoglykämie hatte, heisst das nicht, dass deine Blutzuckerwerte bei jeder Belastung kritisch sind. Dein Körper ist viel widerstandsfähiger, als du vielleicht denkst.
Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für Menschen, die regelmässig Ausdauersport betreiben oder sich körperlich und mental stark fordern. Aber auch im Alltag kann dir das Bewusstsein für die Bedeutung einer guten Energieversorgung und Blutzuckerstabilität helfen, dich fitter und leistungsfähiger zu fühlen. Denk daran: Dein Körper reagiert nicht nur auf das, was du isst oder wie du dich bewegst, sondern auch auf das, was du denkst und fühlst. Die mentale Stärke, einen solchen Wettkampf zu bestreiten und dabei einen Ernährungsplan einzuhalten, ist ein entscheidender, oft unterschätzter Faktor. Es ist die Symbiose aus Körper und Geist, die uns zu Höchstleistungen befähigt und uns hilft, auch im Alltag unsere beste Version zu sein.
Möge diese Studie dich inspirieren, deinen eigenen Körper noch besser zu verstehen und die Verbindung zwischen deiner mentalen Einstellung und deiner körperlichen Leistungsfähigkeit zu erkunden. Dein ganz persönlicher Tetrathlon des Alltags wartet darauf, von dir gemeistert zu werden.