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Ernährungsherausforderungen bei Para-Athleten: Ein Scoping Review offenbart Forschungslücken und individuelle Bedürfnisse

Die Ernährung für sportliche Höchstleistungen ist komplex. Für Para-Athleten kommen zu den allgemeinen sportartspezifischen Anforderungen oft einzigartige physiologische und praktische Herausforderungen hinzu. Eine aktuelle Übersichtsarbeit beleuchtet diese spezifischen Nährstoffbedürfnisse und offe

8 Min. Lesezeit8 Aufrufe12. April 2026
Ernährungsherausforderungen bei Para-Athleten: Ein Scoping Review offenbart Forschungslücken und individuelle Bedürfnisse

Ernährungsherausforderungen bei Para-Athleten: Ein Scoping Review offenbart Forschungslücken und individuelle Bedürfnisse

Die Ernährung für sportliche Höchstleistungen ist komplex. Für Para-Athleten kommen zu den allgemeinen sportartspezifischen Anforderungen oft einzigartige physiologische und praktische Herausforderungen hinzu. Eine aktuelle Übersichtsarbeit beleuchtet diese spezifischen Nährstoffbedürfnisse und offenbart einen dringenden Bedarf an individualisierter Forschung und Praxis.

Einleitung: Eine vernachlässigte Dimension der Sporternährung

Im Hochleistungssport ist die optimale Ernährung ein entscheidender Leistungsfaktor. Während für nicht-behinderte Athleten umfangreiche Leitlinien existieren, steht die wissenschaftlich fundierte Ernährungsberatung für Para-Athleten noch am Anfang. Die heterogene Gruppe der Para-Athleten – mit unterschiedlichen Behinderungsarten (z.B. Querschnittlähmung, Amputationen, Cerebralparese, Sehbehinderungen) und Sportdisziplinen – weist physiologische und praktische Besonderheiten auf, die eine pauschale Übertragung etablierter Ernährungsempfehlungen unmöglich machen. Das Scoping Review von Conte et al. (2023) systematisiert erstmals den aktuellen Wissensstand, identifiziert zentrale Herausforderungen und zeigt klare Lücken in der Forschung auf.

Methodik und Zielsetzung des Scoping Reviews

Die Autoren führten ein Scoping Review durch, eine methodische Herangehensweise, die darauf abzielt, das vorhandene Wissen zu einem Thema zu kartieren, Schlüsselkonzepte zu identifizieren und Evidenzlücken aufzuzeigen. Im Gegensatz zu einem systematischen Review, der eine spezifische Forschungsfrage mit quantitativer Synthese beantwortet, bietet ein Scoping Review einen breiteren Überblick über ein noch wenig erforschtes Feld.

Die Literaturrecherche erfolgte in relevanten Datenbanken (u.a. PubMed). Eingeschlossen wurden Studien, die sich mit den Ernährungsaspekten von Athleten mit einer körperlichen, visuellen oder intellektuellen Beeinträchtigung befassten. Die heterogene Natur der Zielgruppe spiegelt sich in den eingeschlossenen Studien wider, die Athleten verschiedener Behinderungsklassen und Sportarten umfassten.

Zentrale Ergebnisse: Von Energiebilanz bis Zugangsbarrieren

Die Übersichtsarbeit identifiziert mehrere, sich überschneidende Herausforderungen:

  1. Energiebedarf und -bilanz: Ein zentraler Befund ist die häufig unzureichende Energiezufuhr bei Para-Athleten. Besonders ausgeprägt ist dies bei Athleten mit Querschnittlähmung, deren Grundumsatz aufgrund der reduzierten fettfreien Körpermasse um 10–15% niedriger sein kann als bei nicht-behinderten Athleten vergleichbarer Statur. Ein unangepasster Energieverzehr kann schnell zu einer positiven Energiebilanz und Gewichtszunahme führen. Umgekehrt besteht bei einigen Athleten mit hohem Trainingsumfang und praktischen Einschränkungen bei der Nahrungszubereitung oder -aufnahme das Risiko einer negativen Energiebilanz.

  2. Makronährstoffverteilung: Die Bedarfsdeckung mit Kohlenhydraten (wichtig für die Glykogenspeicher) und Proteinen (essenziell für Muskelreparatur und -anpassung) ist oft suboptimal. Die Autoren weisen darauf hin, dass pauschale Empfehlungen (z.B. Gramm Protein pro kg Körpergewicht) kritisch hinterfragt werden müssen. Bei Athleten mit Spastizität kann der Proteinbedarf erhöht sein, während die benötigte Kohlenhydratmenge stark von der tatsächlich aktivierbaren Muskelmasse und der Sportart abhängt.

  3. Praktische und physiologische Barrieren:

    • Motorische Einschränkungen: Schwierigkeiten beim Kauen, Schlucken (Dysphagie), Halten von Besteck oder bei der selbstständigen Nahrungszubereitung können die Auswahl und Menge der aufgenommenen Nahrung erheblich limitieren.
    • Gastrointestinale Probleme: Para-Athleten, insbesondere mit Rückenmarksverletzungen, leiden häufig unter Verstopfung, Blähungen oder einer verlangsamten Magenentleerung, was die Nahrungsaufnahme rund um Training und Wettkampf erschwert.
    • Thermoregulation: Eingeschränkte Schwitzfähigkeit bei einigen Behinderungen erhöht das Hitzestress-Risiko, was eine besonders präzise Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr erforderlich macht.
  4. Mangel an spezialisierter Betreuung: Die Übersicht zeigt ein gravierendes Versorgungsdefizit auf. Weniger als 30% der in den Studien erfassten Para-Athleten hatten regelmäßigen Zugang zu einer Ernährungsfachkraft. Dieser Mangel an individueller Beratung ist eine der größten Hürden für die Umsetzung einer bedarfsgerechten Ernährung.

Kritische Einordnung und Limitationen der Evidenz

Trotz ihrer wertvollen Bestandsaufnahme unterliegt die Aussagekraft der zugrunde liegenden Evidenz erheblichen Einschränkungen, auf die die Autoren hinweisen:

  • Heterogenität: Die enorme Bandbreite an Behinderungen und Sportarten macht generalisierte Aussagen nahezu unmöglich. Eine Empfehlung für einen Rollstuhlbasketballspieler mit Querschnittlähmung ist nicht auf einen sehbehinderten Mittelstreckenläufer übertragbar.
  • Methodische Schwächen: Viele der eingeschlossenen Primärstudien weisen kleine Stichprobengrößen, fehlende Kontrollgruppen und eine hohe Variabilität in den Messmethoden auf. Harte leistungs- oder gesundheitsbezogene Endpunkte (z.B. Verletzungsraten, Krankheitstage, Leistungsentwicklung) sind selten.
  • Surrogatparameter vs. klinische Relevanz: Oft werden lediglich Nährstoffzufuhren gemessen (Surrogatparameter). Ob diese Messwerte tatsächlich in einer verbesserten Leistung, schnelleren Regeneration oder besserer Gesundheit resultieren, bleibt häufig offen.

Die psychophysiologische Dimension: Ein unterschätzter Faktor

Über die physiologischen und praktischen Aspekte hinaus verdient die psychologische Komponente Beachtung. Die Ernährungsumsetzung wird maßgeblich von mentalen Faktoren beeinflusst:

  • Stress und Coping: Der Druck, als Athlet mit Behinderung im Sport und Alltag zu bestehen, kann zu stressbedingten Appetitveränderungen oder emotionalem Essen führen.
  • Körperbild und Selbstwahrnehmung: Das Verhältnis zum eigenen Körper kann durch die Behinderung geprägt sein und das Ernährungsverhalten beeinflussen.
  • Placebo- und Nocebo-Effekte: Die Überzeugung von der Wirksamkeit einer Ernährungsstrategie kann deren tatsächliche physiologische Wirkung modulatorisch verstärken oder abschwächen. Eine ganzheitliche Betreuung muss daher auch die mentale Gesundheit und die individuellen Überzeugungen des Athleten einbeziehen.

Fazit und Implikationen für Praxis und Forschung

Das Scoping Review von Conte et al. macht unmissverständlich klar, dass Para-Athleten keine homogene Gruppe sind und individuelle, behinderungsspezifische Ernährungsempfehlungen benötigen. Pauschalisierungen sind nicht nur unzureichend, sondern potenziell kontraproduktiv.

Praktische Konsequenzen:

  1. Individualisierte Assessment-Strategie: Die Ernährungsberatung muss mit einer gründlichen Anamnese beginnen, die die Behinderung, Medikation, gastrointestinale Funktion, praktischen Fähigkeiten und den individuellen Energieverbrauch (ggf. mittels indirekter Kalorimetrie) berücksichtigt.
  2. Interdisziplinärer Ansatz: Eine optimale Betreuung erfordert die Zusammenarbeit von Sportmedizin, Ernährungsfachkraft, Physiotherapie und Psychologie.
  3. Praktische Lösungen entwickeln: Beratung muss alltagstauglich sein und Hilfestellungen bei Einkauf, Zubereitung und Aufnahme der Nahrung bieten.

Forschungsbedarf:

  1. Hochwertige Interventionsstudien: Es bedarf longitudinaler Studien mit ausreichend großen, homogenen Stichproben, die den Effekt angepasster Ernährungsstrategien auf Leistungsparameter, Regeneration und Gesundheit messen.
  2. Entwicklung von Leitlinien: Auf Basis gewonnener Evidenz sollten sport- und behinderungsspezifische Leitlinien entwickelt werden.
  3. Psychosoziale Faktoren: Die Wechselwirkung zwischen psychologischem Wohlbefinden, Compliance und Ernährungserfolg sollte systematisch erforscht werden.

Die Studie unterstreicht, dass eine optimale Sporternährung für Para-Athleten kein Luxus, sondern eine notwendige Voraussetzung für faire Wettkampfbedingungen, Gesundheit und Leistungsentwicklung ist. Der Weg dorthin führt über mehr Forschung, spezialisierte Betreuung und die Anerkennung der einzigartigen Anforderungen jedes einzelnen Athleten.


Quelle: Conte D, Di Nucci A, Maio G, Parpinel M (2023). Nutritional challenges in para-athletes: A scoping review of current knowledge. Disability and Health Journal. PubMed ID: 41916821.

Wissenschaftliche Quelle

PubMed: 41916821