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Ernährungsberatung im Profifussball: Nicht nur Wissen entscheidet

Eine Studie aus der Premier League zeigt: Damit Ernährungsberatung im Profifussball wirklich ankommt, braucht es mehr als nur Fachwissen. Vertrauen, Anpassungsfähigkeit und eine Portion Leidenschaft sind entscheidend.

9 Min. Lesezeit9 Aufrufe09. März 2026
Ernährungsberatung im Profifussball: Nicht nur Wissen entscheidet

Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Stell dir vor, du bist ein Profifussballer in der englischen Premier League. Dein Körper ist dein Kapital, deine Leistung entscheidet über Sieg oder Niederlage, über deine Karriere. Jedes Detail zählt – auch die Ernährung. Aber wie stellst du sicher, dass du wirklich das isst, was dich optimal unterstützt? Und wie schafft es ein Ernährungsberater, dir das Wissen nicht nur zu vermitteln, sondern auch so, dass es in deinem stressigen Alltag ankommt und du es umsetzt?

Genau dieser Frage ist ein Forschungsteam um Foo, Cronin, Close und Morton nachgegangen. Sie wollten verstehen, was Ernährungsberater im Profifussball ausmacht, die wirklich erfolgreich sind. Denn oft reicht reines Fachwissen nicht aus, um in einem so dynamischen und von Traditionen geprägten Umfeld wie dem Profisport etwas zu bewirken. Es geht um die «ungeschriebenen Regeln» des Spiels.

Die Forschenden haben sich für eine qualitative Studie entschieden, was bedeutet, dass sie tief in die Erfahrungen und Meinungen von Beteiligten eintauchen wollten. Dafür führten sie von August bis Dezember 2024 persönliche, halbstrukturierte Interviews mit verschiedenen Akteuren der englischen Premier League durch. Das waren nicht nur Spieler (n=4), sondern auch Trainer (n=4), Sportwissenschaftler (n=2), Physiotherapeuten (n=2), ein Koch (n=1) und sogar ein Mediziner (n=1). Diese breite Perspektive ist wichtig, um ein umfassendes Bild zu erhalten.

Die Daten wurden dann mithilfe der Konzepte des französischen Soziologen Pierre Bourdieu – Habitus, Kapital und Feld – analysiert. Das klingt vielleicht komplex, bedeutet aber einfach, dass sie untersucht haben, wie persönliche Eigenschaften (Habitus), Fähigkeiten und Ressourcen (Kapital) sowie das soziale Umfeld (Feld) den Erfolg beeinflussen. Das Team wollte herausfinden, welche Attribute aus Sicht der Befragten erfolgreiche Ernährungsberatung im Profifussball ausmachen.

Die zentralen Ergebnisse lassen sich in drei Hauptthemen zusammenfassen:

  1. Feld: Erfolgreiche Ernährungsberater müssen die hierarchischen Strukturen, die tief verwurzelten kulturellen Normen und die etablierten Praktiken des Profifussballs verstehen und sich daran anpassen. Sie müssen ihre Strategien so anpassen, dass sie die Unterstützung von Trainern, Spielern und dem gesamten Team gewinnen.
  2. Kapital: Effektive Ernährungsberatung erfordert den strategischen Einsatz von kulturellem Kapital (technisches, sportspezifisches und interdisziplinäres Wissen) und sozialem Kapital (die Fähigkeit, Vertrauen und Beziehungen zu wichtigen Akteuren aufzubauen). Nur so können sie Glaubwürdigkeit aufbauen und Einfluss nehmen.
  3. Habitus: Die Fähigkeit, dieses Kapital aufzubauen und einzusetzen, basiert auf einem Habitus, der mit der Kultur des Elitefussballs übereinstimmt. Dazu gehören Leidenschaft, Belastbarkeit, Anpassungsfähigkeit und eine positive Einstellung.

Diese Erkenntnisse zeigen, dass der wahrgenommene Erfolg für Ernährungsberater in der Premier League weit über reines technisches Fachwissen hinausgeht. Es geht darum, die ungeschriebenen Regeln des Spielfelds zu navigieren, strategisch kulturelles und soziales Kapital einzusetzen und einen Habitus zu verkörpern, der mit den Werten des Elitefussballs – durch Leidenschaft, Anpassungsfähigkeit, Positivität und Belastbarkeit – übereinstimmt.

Quelle: Foo WL, Cronin CJ, Close GL, Morton JP (2026). The Rules of the Game: Towards a Theory of Practice for Performance Nutritionists in Professional Soccer Using Bourdieu's Concepts of Habitus, Capital and Field. Sports medicine (Auckland, N.Z.). PubMed-ID: 41795776

Die Studie beleuchtet also nicht nur, was Ernährungsberater wissen müssen, sondern vor allem, wie sie dieses Wissen in einem komplexen sozialen Gefüge erfolgreich anwenden können. Doch was bedeutet das für uns, die wir nicht im Profifussball spielen?

Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Diese Studie ist zwar im Kontext des Profifussballs angesiedelt, doch ihre Ergebnisse haben eine viel breitere Relevanz, die über den Sport hinausgeht. Sie erinnert uns daran, dass Wissen allein oft nicht ausreicht, um Verhaltensänderungen herbeizuführen oder Einfluss zu nehmen. Es geht um die Kunst der Vermittlung und des Beziehungsaufbaus.

Als qualitative Studie mit einer kleinen Stichprobe (insgesamt 14 Befragte) ist sie natürlich nicht dazu geeignet, verallgemeinerbare statistische Aussagen zu treffen. Sie liefert jedoch tiefe Einblicke und Hypothesen, die in weiteren, grösseren Studien überprüft werden könnten. Die Forschenden haben bewusst einen interpretativen Ansatz gewählt, um die subjektiv konstruierte Realität der Beteiligten zu erfassen – das ist eine Stärke dieses Studiendesigns. Es geht nicht darum, harte Fakten zu messen, sondern die komplexen sozialen Dynamiken zu verstehen.

Die Ergebnisse betonen, dass «erfolgreich» sein in diesem Kontext bedeutet, dass die Ernährungsempfehlungen nicht nur fachlich korrekt sind, sondern auch von den Spielern angenommen und umgesetzt werden. Ein Ernährungsberater, der zwar alles weiss, aber von den Spielern nicht ernst genommen wird oder sich nicht in die Teamstrukturen einfügen kann, wird wenig bewirken. Das ist ein wichtiger Unterschied: Es wurde nicht gemessen, ob die Ernährungsberatung objektiv zu besseren Leistungen führte, sondern was die befragten Akteure als erfolgreiche Praxis wahrnehmen.

Für wen gelten die Ergebnisse? Primär für Ernährungsberater und andere Fachpersonen, die in komplexen, hierarchischen Umfeldern mit Menschen arbeiten, deren Leistung direkt mit ihrem Körper zusammenhängt. Aber auch für uns alle, die wir versuchen, in unserem Alltag gesündere Gewohnheiten zu etablieren. Es zeigt, dass die Umgebung, die Beziehungen und unsere eigene Einstellung entscheidend sind.

Denkwerkzeug: Wenn du eine neue Gewohnheit etablieren möchtest, frage dich: Welche «ungeschriebenen Regeln» gibt es in meinem Alltag, die meine Bemühungen beeinflussen könnten, und wie kann ich meine Strategie anpassen, um die Unterstützung meines Umfelds zu gewinnen?

Diese Studie legt den Fokus auf die sozialen und persönlichen Aspekte der Beratung. Was sie jedoch nicht explizit beleuchtet, sind die inneren, psychologischen Faktoren, die den Erfolg massgeblich mitbestimmen. Und genau da kommt unser psychophysiologisches Modell ins Spiel.

Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

Die Studie spricht von «Leidenschaft, Belastbarkeit, Anpassungsfähigkeit und einer positiven Einstellung» als Teil des Habitus, der für den Erfolg entscheidend ist. Das sind alles zutiefst psychologische Eigenschaften! Sie sind das Fundament, auf dem das «Kapital» – also das Fachwissen und die Beziehungsfähigkeit – erst richtig wirken kann. Aus psychophysiologischer Sicht ist dies ein entscheidender, wenn auch in der Studie nicht explizit ausgeführter Punkt.

Stell dir vor, ein Ernährungsberater hat das beste Fachwissen (kulturelles Kapital) und kann gut Beziehungen aufbauen (soziales Kapital). Aber wenn er selbst nicht leidenschaftlich bei der Sache ist, schnell aufgibt (fehlende Belastbarkeit) oder negativ eingestellt ist, wird er die Spieler kaum überzeugen können. Diese inneren Haltungen beeinflussen nicht nur die Art und Weise, wie die Beratung abläuft, sondern auch, wie sie von den Spielern aufgenommen wird.

Die psychophysiologische Brille erweitert die Perspektive: Was passiert mit einem Spieler, der von der Ernährung überzeugt ist, diese aber unter grossem Stress umsetzen muss? Oder der zwar die Empfehlungen befolgt, aber innerlich Widerstand spürt, weil er nicht an die Wirksamkeit glaubt (Nocebo-Effekt)? Die Wirksamkeit einer Ernährungsstrategie hängt nicht nur von den Nährstoffen ab, sondern auch von der Erwartungshaltung des Spielers und seiner inneren Einstellung gegenüber der Massnahme.

Ein Spieler, der die Ernährungsempfehlungen mit Skepsis oder Zwang umsetzt, wird möglicherweise nicht die gleichen physiologischen Anpassungen erfahren wie ein Spieler, der sie mit voller Überzeugung und Freude integriert. Stress, Angst vor Leistungseinbussen oder der Druck, «perfekt» sein zu müssen, können die Verdauung, die Nährstoffaufnahme und sogar den Stoffwechsel beeinflussen. Der Körper reagiert nicht nur auf das, was im Magen landet, sondern auch auf die Emotionen und Gedanken, die diesen Prozess begleiten.

Es ist gut denkbar, dass ein Ernährungsberater, der diese psychologischen Aspekte versteht und die Spieler nicht nur fachlich, sondern auch mental unterstützt, einen noch grösseren Einfluss hat. Wenn ein Spieler sich verstanden und sicher fühlt, wenn er Vertrauen in den Berater und den Plan hat, wird er die Massnahmen wahrscheinlich konsequenter und mit einer positiveren Einstellung umsetzen. Diese positive Einstellung wiederum kann die physiologische Wirkung verstärken – ein klassischer Placebo-Effekt, nur eben im Kontext von Ernährung.

Die Studie zeigt uns also, wie wichtig die «weichen Faktoren» in der externen Interaktion sind. Wir fügen hinzu: Diese «weichen Faktoren» sind auch intern entscheidend. Deine eigene Leidenschaft, deine Belastbarkeit und deine positive Einstellung zu deinen Gesundheitszielen haben einen direkten Einfluss darauf, wie dein Körper auf deine Bemühungen reagiert.

Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Diese Studie wurde von Forschenden der Liverpool John Moores University durchgeführt, eine Institution, die für ihre exzellente Sportwissenschaft bekannt ist. Einer der Autoren (Foo WL) ist zudem direkt beim Tottenham Hotspur Football Club tätig, was eine hohe Praxisrelevanz und einen direkten Zugang zu den Studiengruppen vermuten lässt. Die Finanzierung oder mögliche Interessenkonflikte werden im Abstract nicht explizit genannt, was bei dieser Art von qualitativem Forschungsdesign jedoch weniger kritisch ist als bei Interventionsstudien, die die Wirksamkeit von Produkten oder Methoden untersuchen.

Die Studie bestätigt, was viele Praktiker im Sport schon lange wissen: Erfolg ist nicht nur eine Frage des Wissens, sondern auch der Kommunikation, des Beziehungsaufbaus und der Anpassung an das jeweilige Umfeld. Sie ist ein wichtiges Puzzleteil in der wachsenden Forschung, die den Fokus von rein physiologischen Messgrössen auf die komplexen sozialen und psychologischen Faktoren verschiebt, die die menschliche Leistung und Gesundheit beeinflussen.

Was wurde nicht kontrolliert? In einer qualitativen Studie wie dieser gibt es keine Kontrollgruppen oder randomisierte Zuweisung. Hier geht es darum, Meinungen und Erfahrungen zu sammeln. Die Ergebnisse sind also stark von den individuellen Perspektiven der Befragten geprägt. Es wurde nicht untersucht, ob die als «erfolgreich» wahrgenommenen Ernährungsberater tatsächlich zu besseren sportlichen Leistungen oder weniger Verletzungen führten. Es geht um die Wahrnehmung von Erfolg aus Sicht der Beteiligten, was aber für die Implementierung von Massnahmen im Alltag entscheidend ist. Auch die spezifischen Inhalte der Ernährungsberatung wurden nicht analysiert, sondern der Fokus lag auf dem Prozess der Vermittlung und Akzeptanz.

Denkwerkzeug: Bevor du eine neue Gesundheitsstrategie übernimmst, frage dich: Wer sind die Menschen, die mich beraten oder inspirieren? Haben sie nicht nur Fachwissen, sondern auch die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen und meine individuelle Situation zu verstehen?

Diese Studie ist ein Plädoyer dafür, den menschlichen Faktor nicht zu unterschätzen. Und das gilt nicht nur für den Profifussball.

Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Auch wenn du kein Profifussballer bist, kannst du aus dieser Studie wertvolle Erkenntnisse für dein eigenes Leben ziehen. Es geht darum, wie du Informationen aufnimmst, wie du dich motivierst und wie du deine Ziele erreichst.

  • Wissen ist wichtig, aber nicht alles: Egal ob es um Ernährung, Bewegung oder Stressmanagement geht – reines Fachwissen ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Erfolg. Die Art und Weise, wie du dieses Wissen aufnimmst, wie du dich damit identifizierst und wie es in deinen Alltag passt, ist entscheidend.
  • Beziehungen und Vertrauen zählen: Wenn du dich von einem Coach, Therapeuten oder Berater unterstützen lässt, achte nicht nur auf dessen Fachkompetenz, sondern auch auf die Beziehungsebene. Kannst du Vertrauen aufbauen? Fühlst du dich verstanden? Eine gute Verbindung kann den Unterschied ausmachen, ob du dranbleibst oder nicht.
  • Deine innere Haltung ist der Schlüssel: Leidenschaft, Belastbarkeit, Anpassungsfähigkeit und eine positive Einstellung – diese Eigenschaften sind nicht nur im Profisport wichtig. Sie bestimmen auch, wie du mit Rückschlägen umgehst, wie du motiviert bleibst und wie dein Körper auf deine Bemühungen reagiert. Glaube an dich und den Weg, den du gehst.

Was du NICHT daraus schliessen solltest, ist, dass Fachwissen unwichtig wäre. Im Gegenteil: Es ist die Grundlage. Aber es muss in einen Kontext eingebettet sein, der Vertrauen schafft und eine positive Einstellung fördert. Du solltest auch nicht denken, dass du sofort alle diese Eigenschaften perfekt beherrschen musst. Es ist ein lebenslanger Prozess des Lernens und Anpassens.

Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für jeden, der nachhaltig seine Gesundheit verbessern möchte und dabei feststellt, dass es nicht nur um die «richtigen» Informationen geht, sondern auch um die Fähigkeit, diese umzusetzen und in den Alltag zu integrieren. Es ist auch relevant für alle, die andere Menschen beraten oder anleiten: Dein Einfluss geht weit über deine fachliche Expertise hinaus.

Der psychophysiologische Gedanke zum Schluss bleibt bestehen: Dein Körper reagiert nicht nur auf die externen Reize – sei es die Lebensmittel auf deinem Teller oder die Trainingsgewichte –, sondern auch stark auf deine inneren Reize: deine Gedanken, deine Gefühle, deine Überzeugungen und deine Beziehungen. Baue auf dein Wissen, aber vergiss nie die Macht deiner inneren Welt und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie sind die heimlichen Erfolgsfaktoren für deine Gesundheit.

Bleibe neugierig auf das Zusammenspiel von Körper und Geist und entdecke, wie du deine Gesundheit ganzheitlich gestalten kannst.

Wissenschaftliche Quelle

Sports medicine (Auckland, N.Z.)