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Körperzusammensetzung bei COVID-19: Der Phasenwinkel als Überlebensindikator

Eine Studie aus Tschechien zeigt, wie eine einfache Messung der Körperzusammensetzung bei kritisch kranken COVID-19-Patienten helfen kann, das Sterberisiko zu beurteilen. Erfahre, warum der "Phasenwinkel" dabei eine entscheidende Rolle spielt und was das für deine Gesundheit bedeutet.

7 Min. Lesezeit14 Aufrufe17. März 2026
Körperzusammensetzung bei COVID-19: Der Phasenwinkel als Überlebensindikator

1. Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Stell dir vor, du liegst auf der Intensivstation, ringst mit einer schweren Krankheit, und die Ärzte versuchen, dein Überleben einzuschätzen. Jede Information, die dabei hilft, dein Risiko besser zu verstehen und die Behandlung anzupassen, ist Gold wert. Eine neue Studie aus Tschechien hat genau das untersucht: Sie hat eine scheinbar einfache Methode – die Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) – eingesetzt, um bei kritisch kranken COVID-19-Patienten das Sterberisiko besser vorherzusagen. Und dabei stach ein Wert besonders hervor: der sogenannte Phasenwinkel.

Forscher um M. Káňová, K. Petřeková und Kollegen von der Universität Ostrava wollten herausfinden, ob die BIA, die sonst oft im Fitnessstudio oder in der Ernährungsberatung verwendet wird, auch bei schwerstkranken Menschen nützlich sein kann. Insbesondere interessierte sie, ob die BIA helfen kann, Flüssigkeitsansammlungen (Hyperhydration) und den Verlust von Muskelmasse zu überwachen und das Überleben zu prognostizieren.

Die Studie war eine prospektive, verblindete Beobachtungsstudie. Das bedeutet, dass die Patienten im Voraus ausgewählt wurden, die Messungen über die Zeit stattfanden und das medizinische Personal, das die Patienten behandelte, die BIA-Ergebnisse nicht kannte, um die Behandlung nicht zu beeinflussen. Es wurden 61 COVID-19-Patienten eingeschlossen, die invasiv beatmet werden mussten (IMV). Bei einigen kam sogar eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) zum Einsatz, eine Form der künstlichen Lunge. Die BIA-Messungen wurden innerhalb von 48 Stunden nach Aufnahme, sowie nach 7 und 14 Tagen durchgeführt. Gleichzeitig wurden demografische Daten, die Flüssigkeitsbilanz und Laborwerte erfasst.

Die zentralen Ergebnisse waren beeindruckend: Die BIA erwies sich als praktikables Werkzeug auf der Intensivstation. Eine Hyperhydration, definiert durch ein erhöhtes Verhältnis von extrazellulärem Wasser zu Gesamtkörperwasser (ECW/TBW von 0.56) oder ein Übergewicht an Flüssigkeit von 6.9 Litern, korrelierte signifikant mit den BIA-Daten. Interessanterweise war die BIA genauer in der Einschätzung der Hyperhydration als die herkömmliche kumulative Flüssigkeitsbilanz. Der wichtigste Befund war jedoch, dass ein niedriger Phasenwinkel (Median 3.3°) bei Patienten ohne ECMO mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden war. Die Studie zeigte, dass ein erhöhter Hydratationsstatus und ein niedriger Phasenwinkel effektive Prädiktoren für die Sterblichkeit sind, auch wenn der Einsatz von ECMO die Genauigkeit beeinflussen kann. Die BIA konnte zwar die Hydration zuverlässig überwachen, aber nicht die Muskelmasse.

Quelle: Káňová M, Petřeková K, Borzenko N, Rusková K, Nytra I, Dzurňáková P, Burda M, Konvička J (2025). Bioelectrical Impedance in Monitoring Hyperhydration and Muscle Wasting in Critically Ill Corona Virus Disease (COVID-19) Patients: The Feasibility of Predicting Outcome. Physiological Research, 74(Suppl 1):S93-S106. PubMed-ID: 41511101

Diese Ergebnisse sind nicht nur für Intensivmediziner relevant, sondern sie werfen auch ein Licht darauf, wie wichtig die Zusammensetzung deines Körpers – insbesondere dein Flüssigkeitshaushalt und die Integrität deiner Zellmembranen, die im Phasenwinkel zum Ausdruck kommt – für deine Gesundheit und deine Widerstandsfähigkeit ist. Aber was genau bedeutet das für dich?

2. Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Die Studie liefert faszinierende Einblicke, aber lass uns genauer hinsehen, was diese Ergebnisse wirklich für dich bedeuten. Wir reden hier von kritisch kranken Menschen auf der Intensivstation, nicht von gesunden Individuen. Dennoch können wir aus den Erkenntnissen lernen.

Du bist kein Durchschnitt. Die Studie zeigt, dass ein niedriger Phasenwinkel im Durchschnitt mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert ist. Das ist eine statistische Aussage. Für dich persönlich bedeutet das nicht, dass ein einmalig gemessener niedriger Phasenwinkel automatisch dein Todesurteil ist. Es ist ein Indikator, ein Puzzleteil im Gesamtbild der Gesundheit. Die statistische Signifikanz (p-Werte von 0.0050 und 0.0402 für die Hyperhydration) zeigt, dass die Ergebnisse wahrscheinlich nicht zufällig sind, aber die klinische Bedeutung für den einzelnen Patienten muss immer im Kontext seiner gesamten Verfassung gesehen werden.

Was wurde wirklich gemessen? Hier wurden keine harten Endpunkte wie Sterblichkeit direkt gemessen, sondern der Phasenwinkel und der Hydratationsstatus als Surrogatparameter zur Vorhersage der Sterblichkeit. Der Phasenwinkel ist ein indirekter Marker für die Zellintegrität und die Menge an Körperzellmasse. Ein niedrigerer Phasenwinkel deutet auf geschädigte Zellen und einen schlechteren Ernährungszustand hin, was bei kritisch kranken Patienten oft der Fall ist. Die Studie konnte die Muskelmasse nicht zuverlässig erfassen, was eine Einschränkung ist, da Muskelabbau bei Intensivpatienten ein grosses Problem darstellt.

Methodische Stärken und Grenzen: Die prospektive, verblindete Beobachtungsstudie ist methodisch solide. Die Messungen wurden über die Zeit wiederholt, was Veränderungen sichtbar macht. Dass die BIA genauer die Hyperhydration erfasste als die kumulative Flüssigkeitsbilanz, ist ein starkes Argument für ihren Einsatz. Eine grosse Stärke ist, dass die BIA eine nicht-invasive, schnelle und kostengünstige Methode ist, die direkt am Krankenbett angewendet werden kann. Eine Grenze ist die relativ kleine Stichprobengrösse von 61 Patienten, was die Generalisierbarkeit auf alle kritisch kranken COVID-19-Patienten einschränkt. Auch der Einfluss der ECMO auf die Genauigkeit der BIA ist ein wichtiger Hinweis, dass man die Ergebnisse nicht blind übertragen kann.

Für wen gelten die Ergebnisse? Die Ergebnisse gelten primär für kritisch kranke COVID-19-Patienten mit akutem Atemnotsyndrom (ARDS), die invasiv beatmet werden mussten. Wenn du gesund bist, lassen sich diese direkten Schlussfolgerungen nicht auf dich übertragen. Aber das Prinzip, dass deine Körperzusammensetzung und Zellgesundheit Indikatoren für deine Widerstandsfähigkeit sind, bleibt bestehen.

Denkwerkzeug: Wenn du von einer neuen Gesundheitskennzahl hörst, frage dich: Wie wurde diese Kennzahl gemessen, und welche anderen Faktoren könnten das Ergebnis beeinflussen, die in der Studie vielleicht nicht berücksichtigt wurden?

Die Studie zeigt eindrücklich, wie die Physiologie des Körpers in extremen Stresssituationen reagiert. Aber was ist mit dem Geist in diesem Körper?

3. Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

In dieser Studie geht es um schwerstkranke Patienten, deren Körper ums Überleben kämpft. Doch selbst in dieser extremen Situation dürfen wir die psychophysiologische Dimension nicht ausser Acht lassen. Auch wenn die Studie diese Aspekte nicht direkt untersucht hat, können wir aus der Hösli-Perspektive wichtige Verbindungen ziehen.

Stress und der Phasenwinkel: Ein niedriger Phasenwinkel deutet auf eine schlechte Zellmembranintegrität und einen reduzierten Zellstoffwechsel hin. Chronischer und akuter Stress, wie ihn COVID-19-Patienten auf der Intensivstation erleben, hat massive Auswirkungen auf den Zellstoffwechsel. Der Körper schüttet Stresshormone wie Cortisol aus, die Entzündungsreaktionen fördern, die Proteinsynthese hemmen und den Abbau von Muskelgewebe beschleunigen können. Es ist gut denkbar, dass der extreme psychische Stress, die Angst und die Isolation auf der Intensivstation – zusätzlich zur physischen Belastung durch die Krankheit – massgeblich zur Verschlechterung der Zellintegrität und damit zu einem niedrigeren Phasenwinkel beitragen. Die Psyche beeinflusst direkt die Fähigkeit der Zellen, Nährstoffe aufzunehmen und Abfallprodukte auszuscheiden, was wiederum den Phasenwinkel verändert.

Hyperhydration und psychische Belastung: Die Studie fand eine signifikante Hyperhydration. Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe sind oft eine Reaktion des Körpers auf Entzündungen und Stress. Der Körper versucht, Schäden zu reparieren, und die Gefässe werden durchlässiger. Aber auch psychischer Stress kann indirekt den Flüssigkeitshaushalt beeinflussen, indem er das vegetative Nervensystem und Hormonsystem (z.B. ADH-Ausschüttung) stört. Ein Patient, der sich hilflos und ängstlich fühlt, kann physiologische Reaktionen zeigen, die den Flüssigkeitshaushalt zusätzlich belasten.

Motivation und Genesung: Obwohl nicht direkt messbar in dieser Akutsituation, spielt die psychische Resilienz und der Überlebenswille eine Rolle. Patienten, die – auch unbewusst – eine stärkere innere Motivation und Hoffnung auf Genesung haben, könnten physiologisch besser reagieren. Dies kann sich in besseren Stoffwechselprozessen, einer effektiveren Immunantwort und letztlich auch in einem stabileren Zellzustand widerspiegeln, der möglicherweise mit einem höheren Phasenwinkel korreliert. Der Placebo-Effekt zeigt, wie stark Erwartungen selbst auf zellulärer Ebene wirken können. Das Gegenteil, der Nocebo-Effekt, könnte bei Hoffnungslosigkeit und Angst ebenso physiologische Prozesse negativ beeinflussen.

Die psychophysiologische Brille zeigt uns, dass der Phasenwinkel nicht nur ein rein physikalischer Messwert ist, sondern auch ein Indikator für die Gesamtbelastung eines Menschen – physisch und psychisch. Der Zellzustand ist ein Spiegelbild der gesamten Lebenssituation.

4. Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Diese Studie ist ein wichtiges Puzzleteil in der Intensivmedizin und unterstreicht die wachsende Bedeutung von BIA-Messungen. Sie bestätigt andere Studien, die den Phasenwinkel als wertvollen Prognoseindikator bei verschiedenen Krankheiten identifiziert haben – von Krebs bis hin zu Nierenerkrankungen. Es ist kein Ausreisser, sondern fügt sich in ein immer klarer werdendes Bild ein.

Wer steht dahinter? Die Studie wurde von akademischen Forschern an einer Universität durchgeführt. Der Konflikt of Interest wurde mit „There is no conflict of interest“ angegeben, was die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse stärkt. Die Finanzierung durch öffentliche Gelder oder universitäre Mittel ist üblich und deutet nicht auf kommerzielle Interessen hin, die die Ergebnisse verzerren könnten.

Was wurde nicht kontrolliert? Bei kritisch kranken Patienten auf der Intensivstation ist es extrem schwierig, alle potenziellen Einflussfaktoren zu kontrollieren. Die Studie hat demografische Daten, Flüssigkeitsbilanz und Laborwerte erfasst. Was jedoch nicht direkt kontrolliert wurde, sind individuelle Unterschiede in der Ernährung vor der Erkrankung, der Grad des Sarkopenie (Muskelschwund) vor der Intensivbehandlung, der psychische Zustand der Patienten vor und während ihres Aufenthalts und die spezifischen Medikationen, die neben der Beatmung und ECMO verabreicht wurden. All diese Faktoren können den Zellzustand und damit den Phasenwinkel beeinflussen. Auch die Langzeitfolgen von COVID-19, wie das Post-COVID-Syndrom, wurden hier nicht betrachtet, da der Fokus auf der akuten Phase lag.

Denkwerkzeug: Wenn eine Studie auf ein vermeintlich einfaches Tool wie die BIA setzt, frage dich: Welche komplexen Vorgänge im Körper spiegelt dieses Tool wider, die auf den ersten Blick unsichtbar bleiben, und wie könnten diese durch meinen Lebensstil beeinflusst werden?

Die BIA ist ein vielversprechendes Werkzeug, aber wie immer ist es wichtig, die Ergebnisse im Gesamtkontext zu sehen und nicht zu isolieren.

5. Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Auch wenn du hoffentlich nie in die Situation eines kritisch kranken Intensivpatienten kommst, kannst du aus dieser Studie wertvolle Erkenntnisse für dein eigenes Leben ziehen.

  • Dein Zellzustand ist entscheidend: Der Phasenwinkel ist ein Mass für die Integrität deiner Zellmembranen und die Menge an Körperzellmasse. Ein hoher Phasenwinkel wird mit guter Zellgesundheit, einem starken Immunsystem und einer hohen Belastbarkeit assoziiert. Du kannst deinen Phasenwinkel durch eine nährstoffreiche Ernährung, regelmässige Bewegung, ausreichend Schlaf und effektives Stressmanagement positiv beeinflussen.
  • Flüssigkeitshaushalt im Blick: Die Studie unterstreicht die Bedeutung eines ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalts. Weder Über- noch Unterhydrierung sind optimal. Achte auf eine ausreichende, aber nicht übermässige Flüssigkeitszufuhr, die zu deinem Aktivitätslevel und den Umgebungsbedingungen passt. Dein Körper sendet dir Signale – lerne, sie zu deuten.
  • Prävention ist der beste Schutz: Die Studie zeigt, wie schnell sich der Körperzustand bei schwerer Krankheit verschlechtern kann. Eine gute Ausgangsbasis – also ein gesunder Körperzellanteil und ein optimaler Flüssigkeitshaushalt – erhöht deine Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Stressoren. Baue Prävention in deinen Alltag ein, bevor du sie dringend brauchst.

Was solltest du NICHT daraus schliessen? Diese Studie ist kein Freifahrtschein, um bei einem niedrigen Phasenwinkel in Panik zu geraten. Dein Phasenwinkel kann durch viele Faktoren beeinflusst werden, darunter dein Alter, Geschlecht, dein Ernährungszustand und dein Aktivitätslevel. Er ist ein Baustein für eine umfassende Gesundheitsbeurteilung, aber niemals der einzige. Eine einzelne Messung sagt wenig aus; es sind die Veränderungen über die Zeit, die relevant werden.

Für wen ist das besonders relevant? Für jeden, der seine allgemeine Gesundheit und Widerstandsfähigkeit verbessern möchte. Besonders relevant ist es für Menschen, die sich in Genesung befinden, chronische Krankheiten haben oder sich auf einen chirurgischen Eingriff vorbereiten. Für junge, gesunde Menschen ist es eine Erinnerung, wie wichtig die Grundlagen der Gesundheit sind.

Denk daran: Dein Körper reagiert nicht nur auf das, was du isst oder wie du dich bewegst, sondern auch auf das, was du denkst und fühlst. Dein Zellzustand ist ein Spiegelbild dieses komplexen Zusammenspiels. Indem du achtsam mit deinem Körper und Geist umgehst, investierst du in deine langfristige Gesundheit und Widerstandsfähigkeit. Und wer weiss, vielleicht kann dein Phasenwinkel eines Tages auch dir wichtige Hinweise geben. Bleib neugierig und hör auf deinen Körper!

Wissenschaftliche Quelle

Physiological research