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Mangelernährung bei Leukämie: Warum das Gewicht allein nicht alles sagt

Eine neue Studie zeigt, wie wichtig die frühe Erkennung von Mangelernährung bei Leukämie-Patienten ist. Erfahre, warum traditionelle Methoden oft versagen und wie moderne Techniken wie die Bioelektrische Impedanzanalyse helfen, frühzeitig zu handeln und die Prognose zu verbessern.

7 Min. Lesezeit12 Aufrufe30. März 2026
Mangelernährung bei Leukämie: Warum das Gewicht allein nicht alles sagt

Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Stell dir vor, du erhältst eine Diagnose, die dein Leben auf den Kopf stellt – akute Leukämie. In dieser ohnehin schon extrem belastenden Situation kämpft dein Körper nicht nur gegen die Krankheit selbst, sondern auch gegen die aggressive Chemotherapie. Du weisst, dass eine gute Ernährung wichtig ist, um stark zu bleiben. Doch was, wenn dein Körper innerlich abbaut, während dein Gewicht auf der Waage noch stabil scheint? Genau diese Lücke in der Versorgung von Krebspatienten rückt eine aktuelle Studie aus Spanien in den Fokus.

Forscher um Dalla Rovere et al. vom Department of Endocrinology and Nutrition in Málaga haben untersucht, wie gut sich Mangelernährung bei neu diagnostizierten Leukämie-Patienten frühzeitig erkennen lässt und welchen Einfluss sie auf die Überlebensrate hat. Sie wollten herausfinden, ob traditionelle Screening-Methoden, die oft nur das Körpergewicht betrachten, ausreichen oder ob modernere, umfassendere morphofunktionelle Bewertungen notwendig sind. Die Ergebnisse sind alarmierend und zeigen, wie oft Mangelernährung unterschätzt wird.

Für diese prospektive Kohortenstudie wurden 52 erwachsene Patienten mit neu diagnostizierter akuter Leukämie zwischen November 2022 und November 2024 an zwei grossen Krankenhäusern in Málaga rekrutiert. Der Ernährungsstatus wurde mittels der global anerkannten GLIM-Kriterien (Global Leadership Initiative on Malnutrition) beurteilt. Zusätzlich setzten die Wissenschaftler auf eine umfassende morphofunktionelle Analyse: Dazu gehörten die Bioelektrische Impedanz-Vektor-Analyse (BIVA), die Messung der Handkraft (Handgrip Strength, HGS) mittels Dynamometrie und ein Ultraschall der Oberschenkelmuskulatur (Musculus Rectus Femoris). Diese Messungen wurden sowohl zu Beginn der Behandlung als auch nach der Induktionstherapie, also der ersten intensiven Chemophase, durchgeführt. Das primäre Ziel war es, die prognostische Assoziation dieser Parameter mit der 12-Monats-Mortalität zu bewerten.

Die Ergebnisse waren deutlich: Bereits zu Studienbeginn wurden 65.4% der Patienten als mangelernährt eingestuft. Nach nur drei Monaten zeigten die Patienten signifikante Rückgänge in wichtigen Körperparametern: Der Phasenwinkel (ein BIVA-Parameter, der die Zellintegrität widerspiegelt) sank um -0.55° (p < 0.001), die Körperzellmasse nahm um -3.15 kg ab (p < 0.01), die Skelettmuskelmasse reduzierte sich um -1.66 kg (p < 0.01) und die Querschnittsfläche des Musculus Rectus Femoris um -0.36 cm2 (p = 0.011). Diese Daten unterstreichen, wie schnell und drastisch der Körper unter der Belastung von Leukämie und Chemotherapie abbaut, und lenken den Blick auf die Notwendigkeit einer präzisen und frühen Diagnostik.

Quelle: Dalla Rovere L, Tapia Guerrero MJ, Doulatram-Gamgaram VK, Garcia-Olivares M, Del Arco-Romualdo B, Gonzalo-Marín M, Mora MRV, Decoud DB, Aizpún CD, Sánchez-Torralvo FJ, Herola-Cobos C, Hardy-Añón C, Hernandez-Sanchez A, García-Almeida JM, Olveira G (2026). Bioelectrical Impedance and GLIM Criteria Identify Early Nutritional Deterioration and Mortality in Acute Leukemia Patients Undergoing Chemotherapy. Nutrients, 18(3):374. PubMed-ID: 41683200

Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse, die weit über die reine Statistik hinausgehen. Sie erinnert uns daran, dass du als Individuum selten dem statistischen Durchschnitt entsprichst. Wenn die Studie feststellt, dass 65.4% der Patienten zu Beginn mangelernährt sind, bedeutet das nicht, dass jeder zweite Leukämie-Patient zwangsläufig betroffen ist. Es zeigt aber, dass das Risiko extrem hoch ist und eine genaue individuelle Betrachtung unerlässlich ist.

Ein zentraler Punkt ist die Unterscheidung zwischen «statistisch signifikant» und «klinisch bedeutsam». Die gemessenen Rückgänge in Muskelmasse und Zellintegrität sind statistisch hochsignifikant – das heisst, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Ergebnisse Zufall sind, ist extrem gering. Doch sie sind auch klinisch bedeutsam: Ein Verlust von über 3 kg Körperzellmasse oder fast 2 kg Skelettmuskulatur innerhalb von drei Monaten ist für jeden Menschen, besonders aber für einen Krebspatienten, ein massiver Einschnitt in die körperliche Funktion und die Fähigkeit, die Therapie zu überstehen. Hier wurden also nicht nur Surrogatparameter gemessen, sondern Werte, die direkt mit der körperlichen Belastbarkeit und der Gesamtprognose zusammenhängen.

Die methodischen Stärken dieser Studie liegen in der prospektiven Kohortenanalyse und der Anwendung umfassender, moderner Messmethoden wie BIVA, Handkraftmessung und Muskelultraschall – ergänzt durch die GLIM-Kriterien, die einen ganzheitlicheren Blick auf den Ernährungsstatus ermöglichen als nur das Körpergewicht. Die Grenzen der Studie sind zum einen die relativ kleine Stichprobengrösse von 52 Patienten und die Durchführung an zwei spezialisierten Zentren in Spanien. Das schränkt die Übertragbarkeit auf andere Populationen oder Gesundheitssysteme möglicherweise etwas ein. Auch wenn die Studie prospektiv war, ist es immer noch eine Beobachtungsstudie, die Korrelationen aufzeigt, aber keine Kausalität im Sinne einer Intervention beweist.

Denkwerkzeug: Wenn du oder jemand in deinem Umfeld mit einer schweren Krankheit konfrontiert ist, frage dich: «Wird bei der Beurteilung meines körperlichen Zustands nur auf das Gewicht oder den BMI geschaut, oder werden auch modernere Methoden wie die Messung der Körperzusammensetzung und Muskelkraft eingesetzt?»

Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

Hier kommen wir zum Kern dessen, was auf der Plattform von Jürg Hösli von entscheidender Bedeutung ist: die untrennbare Verbindung von Psyche und Körper. Bei einer Diagnose wie akuter Leukämie und der anschliessenden Chemotherapie sind die Patienten enormem physischen und psychischen Stress ausgesetzt. Dieser Aspekt wird in der vorliegenden Studie zwar nicht direkt untersucht, ist aber von immenser Bedeutung für die beobachteten physiologischen Veränderungen.

Chronischer Stress, Angst und Depression sind bei Krebspatienten weit verbreitet. Diese psychische Belastung aktiviert das sympathische Nervensystem und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, was zu einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol führt. Cortisol ist ein kataboles Hormon, das den Abbau von Muskelprotein fördert und die Insulinresistenz erhöhen kann. Es ist gut denkbar, dass der beobachtete rapide Verlust an Muskel- und Körperzellmasse nicht nur direkt durch die Krankheit und Chemotherapie verursacht wird, sondern auch massgeblich durch den immensen psychischen Stress der Patienten verstärkt wird.

Darüber hinaus beeinflusst der psychische Zustand auch das Essverhalten und die Nährstoffaufnahme. Appetitlosigkeit, Übelkeit und Geschmacksveränderungen sind häufige Nebenwirkungen der Chemotherapie, die durch psychischen Stress noch verschlimmert werden können. Wer unter grossem emotionalen Druck steht, hat oft weniger Energie und Motivation, sich um eine ausgewogene Ernährung zu kümmern oder aktiv zu bleiben. Die Überzeugung, dass man ohnehin nichts tun kann, um den körperlichen Verfall aufzuhalten (Nocebo-Effekt), kann die physiologischen Prozesse zusätzlich negativ beeinflussen und die Genesung erschweren.

Die Messung des Phasenwinkels mittels BIVA ist hier besonders interessant. Ein niedriger Phasenwinkel deutet auf eine schlechte Zellintegrität und einen gestörten Ernährungszustand hin. Es ist durchaus denkbar, dass auch psychischer Stress und die damit verbundenen entzündlichen Prozesse auf zellulärer Ebene zu einer Verschlechterung dieses Parameters beitragen, selbst wenn die Kalorienaufnahme noch ausreicht. Der Körper reagiert eben nicht nur auf Nährstoffe, sondern auch auf die innere und äussere Belastung.

Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Diese Studie reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Forschungsarbeiten, die die Bedeutung einer umfassenden Ernährungsbeurteilung bei Krebspatienten hervorheben. Sie bestätigt die Notwendigkeit, über den simplen BMI hinauszugehen und detailliertere Parameter der Körperzusammensetzung und Funktion zu erfassen. Die GLIM-Kriterien, die hier verwendet wurden, stellen einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar, da sie sowohl ätiologische als auch phänotypische Kriterien berücksichtigen.

Die Finanzierung der Studie wurde von keiner spezifischen Industrie oder kommerziellen Einrichtung erwähnt, und die Autoren gaben an, keine Interessenkonflikte zu haben. Dies stärkt die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse, da keine externen Einflüsse vermutet werden müssen. Die Studie wurde in einem Peer-Review-Journal publiziert, was die wissenschaftliche Qualität unterstreicht.

Was oft nicht kontrolliert werden kann, aber die Ergebnisse stark beeinflusst, sind die individuellen Lebensstilfaktoren und der soziale Support der Patienten. Wie gut ist die häusliche Versorgung? Welche psychologische Unterstützung erhalten die Patienten? Wie hoch ist ihr Aktivitätslevel jenseits der Therapie? Diese Faktoren können massgeblich dazu beitragen, wie gut ein Patient mit der Belastung umgeht und wie schnell der körperliche Abbau voranschreitet. Auch wenn die Studie diese Aspekte nicht direkt erfasst, sind sie im klinischen Alltag von grösster Relevanz.

Denkwerkzeug: Wenn du eine Studie liest, die sich mit einer Krankheit und deren Behandlung befasst, frage dich: «Betrachtet diese Studie den Menschen ganzheitlich, oder konzentriert sie sich nur auf einzelne, isolierte Parameter, ohne den Einfluss von Lebensstil, sozialem Umfeld und psychischer Verfassung zu berücksichtigen?»

Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Diese Studie ist ein starker Appell, die Bedeutung einer frühzeitigen und präzisen Erkennung von Mangelernährung bei schweren Erkrankungen wie Leukämie nicht zu unterschätzen. Was kannst du daraus mitnehmen, auch wenn du nicht direkt betroffen bist?

  • Achte auf mehr als nur das Gewicht: Dein Körpergewicht auf der Waage ist nur eine Zahl. Viel wichtiger ist deine Körperzusammensetzung – das Verhältnis von Muskelmasse zu Fett. Auch wenn du nicht abnimmst, kann es sein, dass du wertvolle Muskelmasse verlierst. Achte auf deine Kraft, deine Ausdauer und wie du dich fühlst.
  • Die Kombination machts: Wenn du dich in einer kritischen Gesundheitsphase befindest, sprich mit deinen Ärzten über umfassendere Messmethoden. Die Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) oder die Messung der Handkraft sind unkompliziert und können wertvolle Hinweise geben, die über den BMI hinausgehen.
  • Dein mentales Wohlbefinden ist entscheidend: Auch wenn die Studie es nicht direkt untersucht hat, ist klar, dass psychischer Stress und Angst den körperlichen Abbau beschleunigen können. Sorge aktiv für dein mentales Wohlbefinden, besonders in herausfordernden Zeiten. Das kann durch Achtsamkeit, Entspannungstechniken oder professionelle Unterstützung geschehen. Dein Geist ist ein mächtiger Verbündeter für deinen Körper.

Was du NICHT daraus schliessen solltest: Diese Studie ist kein Grund zur Panik. Sie zeigt vielmehr, dass wir heute bessere Werkzeuge haben, um frühzeitig zu handeln und die Prognose zu verbessern. Es geht nicht darum, Angst zu schüren, sondern darum, Bewusstsein zu schaffen und proaktiv zu sein. Für wen ist das besonders relevant? Für alle, die mit einer schweren Krankheit konfrontiert sind oder jemanden in ihrem Umfeld haben, der dies ist. Aber auch für jeden, der generell seine Gesundheit optimieren möchte, ist es eine Erinnerung daran, dass der Körper mehr ist als die Summe seiner Teile.

Die Forschung zeigt uns immer wieder, dass Gesundheit ein komplexes Zusammenspiel von Körper und Geist ist. Dein Körper reagiert nicht nur auf das, was du isst oder wie du dich bewegst, sondern auch auf das, was du denkst und fühlst. Die Frage, die bleibt, ist: Wie können wir diese Erkenntnisse noch besser in den klinischen Alltag integrieren, um Patienten nicht nur medizinisch, sondern auch ganzheitlich zu unterstützen?

Bleib neugierig, bleib achtsam – dein Körper und Geist werden es dir danken.

Wissenschaftliche Quelle

Nutrients