
2025 · Das letzte grosse Radprojekt. Eine Reise nach innen.
Neftenbach → Dune du Pilat
1000 Kilometer gegen Wind und Zweifel – Jürg Höslis letzter grosser Ritt.
Prolog
Ein Mann, ein Rad, eine Mission
Jürg Hösli, Ernährungsdiagnostiker und Ausdauersportler, setzt sich ein letztes Mal in den Sattel für ein Projekt, das alles von ihm fordert:1000 Kilometer nonstop zur Dune du Pilat, der höchsten Wanderdüne Europas. Es ist mehr als eine physische Reise – es ist ein Blick in den Abgrund des eigenen Willens.
Die Zahlen sind klar, die Route durchdacht, doch die Natur spielt nach eigenen Regeln. Gegenwind mit 50 km/h, Regen, der in die Knochen kriecht, und eine mentale Belastung, die schwerer wiegt als jeder Höhenmeter. Dies ist kein Wettkampf gegen die Uhr, sondern gegen sich selbst.
Für Hösli ist es der Abschluss eines Kapitels. Nach Jahren der extremen Radprojekte will er sich neu erfinden – in der Fotografie, im Stillstand, im Sehen statt im Fahren. Doch bevor das Neue beginnt, muss das Alte bezwungen werden.
Ein Ort mit Bedeutung
Kraftort Atlantikküste
Die Dune du Pilat ist kein Zufallsziel. Sie erhebt sich wie ein stiller Riese an der französischen Atlantikküste, ein Monument aus Sand und Geschichte. Für Jürg Hösli ist diese Region – von Bordeaux bis in die wilde Bretagne – ein Kraftort, ein Ort der Sehnsucht.
Hier, wo die Wellen gegen die Küste schlagen und der Wind die Gedanken freibläst, hat er immer wieder Antworten gefunden. Die Düne ist Symbol und Ziel zugleich: ein Ort, der ihn ruft, der ihn fordert, der ihn abschliesst.
Innerer Monolog – Warum dieser Ort
«Warum hier? Warum die Düne? Es ist kein logisches Ziel, keine Metropole, kein Prestige. Aber es ist mein Ort. Die Landschaft hat etwas Ursprüngliches, sie zwingt zur Demut. Bordeaux, die Bretagne – hier spür ich, wie klein ich bin. Und genau deshalb muss ich hierher.»
— Jürg Hösli, über seinen Kraftort

Die Planung
Präzision bis ins Detail
Die Route ist ein Meisterwerk der Präzision. Höhenmeter werden vermieden, denn mit 82–83 kg Renngewicht – abgespeckt von den üblichen 88–92 kg durch gezieltes Training – zählt jede Kalorie Energie. Die Strecke: ein langer, flacher Weg zur Küste, kalkuliert für Effizienz.
Start Freitagabend, Ziel Sonntag früh – unter 40 Stunden, so der Plan. Jede Mahlzeit, jeder Tritt, jeder Ruhepuls wurde dokumentiert. Hösli zeigt, wie solche Projekte entstehen: aus Daten, Disziplin und einem Hauch Wahnsinn.
Innerer Monolog – Der Analytiker plant
«Es muss klappen. Die Zahlen stimmen. 82 kg, Leistungsgewicht optimiert, Höhenmeter unter 2000, Ernährung auf 4000 Kalorien abgestimmt. Ich hab alles simuliert – Puls, Watt, Zeit. Wenn ich im Flow bleib, ist es machbar. Aber was, wenn der Körper streikt? Was, wenn der Kopf nein sagt? Daten lügen nicht, aber sie fühlen auch nicht.»
— Jürg Hösli, beim Studium der Leistungsdaten
Die ersten Stunden
Nacht, Rhythmus, Flow



Die Nacht beginnt still. Freitagabend, die Strassen leer, nur das Summen der Reifen. Hösli findet seinen Rhythmus, die Beine arbeiten wie ein Uhrwerk. 20 km/h, 180 Watt, Puls bei 130 – alles nach Plan.
Die Dunkelheit ist ein Verbündeter, sie blendet Ablenkung aus. Stunde um Stunde vergeht, der Körper funktioniert, der Kopf ist klar. Noch.



Die letzten 150 Kilometer
Die Natur schreibt ihre eigene Geschichte


Die letzten 150 Kilometer werden zur Hölle. Gegenwind peitscht mit 50 km/h, ein unsichtbarer Gegner, der jede Pedalumdrehung zur Qual macht. Starkregen durchnässt ihn 60 % der Zeit, kalt, unbarmherzig, bis in die Knochen.
Mit über 200 Watt im Tritt, doch die Geschwindigkeit bleibt unter 20 km/h – ein quälender Stillstand trotz Maximalleistung. Die Regenpelerine flattert, die Hände sind taub, die Welt verschwimmt hinter einem Vorhang aus Wasser.
Es ist kein Rennen mehr. Es ist Überleben.
Innerer Monolog – Im Regen, erschöpft
«200 Watt, und ich komm kaum voran. Die Daten lügen nicht: 18,5 km/h, Puls bei 155, Reserven am Limit. Der Regen frisst meine Wärme, der Wind meine Kraft. Wie lang hält der Körper das? Wie lang der Kopf? Ich kann nicht aufgeben, nicht jetzt. Aber verdammt, es fühlt sich an, als würd ich gegen eine Wand fahren. Rechnen, atmen, weitermachen.»
— Jürg Hösli, Kilometer 870, Gegenwind 50 km/h


Die eigentliche Aufgabe
44 Stunden mit sich selbst
44 Stunden allein. 44 Stunden mit nichts als dem eigenen Atem, dem Regen und den Zweifeln. Die Strasse wird zum Spiegel der Seele.
Es gibt Momente der Ruhe, in denen alles leicht scheint – und dann Stunden, in denen jede Bewegung sinnlos wirkt. Warum? Wozu?
Die eigentliche Prüfung ist nicht der Körper, sondern der Wille. Die grösste Aufgabe: die eigene Leistung anzunehmen, auch wenn sie sich klein anfühlt. Nicht hadern, nicht relativieren, einfach sein.
Noch nie zuvor war Jürg nach einem Projekt so erschöpft. Nicht wegen der Muskeln. Sondern wegen der permanenten mentalen Anspannung. Das schwierigste Projekt seiner gesamten Radkarriere.
Innerer Monolog – Die schwerste Lektion
«Warum tu ich mir das an? 44 Stunden, und mein Kopf dreht sich im Kreis. Ich bin gut vorbereitet, ich weiss es. Aber was, wenn ich nicht genug bin? Die Daten sagen: Weiter. Der Körper sagt: Weiter. Aber der Zweifel flüstert: Stopp. Die schwerste Lektion ist, mich nicht zu hinterfragen. Ich bin hier. Ich mach das. Punkt.»
— Jürg Hösli, irgendwo in Frankreich, Stunde 38Selbst der Regen wurde irgendwann zu einer Aufgabe. Eine Aufgabe, die angenommen werden wollte. Nicht bekämpft. Angenommen.
Ankunft
Die Düne – Ein Koloss aus Sand


Die Dune du Pilat taucht auf, ein Koloss aus Sand am Horizont. Hösli rollt die letzten Meter, erschöpft bis in die letzte Faser. Die Beine brennen, die Hände sind steif, doch ein Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht.
Erleichterung durchströmt ihn wie eine Welle. Es ist geschafft.
Ein Kapitel endet hier, an diesem stillen Ort, wo der Wind die Spuren der Anstrengung davonträgt. Ein Abschluss, der nach Freiheit schmeckt.
Innerer Monolog – An der Düne
«Ich bin da. Die Düne, mein Ziel, mein Ende. Alles schmerzt, aber es ist ein guter Schmerz. Die Zahlen, die Planung, der Kampf – all das fällt ab. Ich hab's geschafft. Nicht für andere, für mich. Ein Kapitel schliesst sich, und ich spür's: Es ist Zeit, loszulassen. Zeit für was Neues.»
— Jürg Hösli, auf der Dune du Pilat


«Dieses Projekt war mein härtestes. Nicht wegen der Beine, sondern wegen dem Kopf. Aber genau deshalb war es so wichtig – ich hab gelernt, mir selber zu vertrauen, egal wie stark der Wind bläst.»— Jürg Hösli
Was bleibt
Dies war Jürg Höslis letztes grosses Radprojekt. Die Leidenschaft fürs Radfahren bleibt, doch die extremen Herausforderungen gehören der Vergangenheit an.
Nun widmet er sich der Fotografie, einer Kunst, die ebenfalls Geduld und Perspektive fordert. Auch dort geht es um Wahrnehmung, um das Festhalten besonderer Momente.
Was bleibt, ist mehr als eine Strecke oder eine Zeit. Es ist die Erkenntnis, sich selbst zu begegnen – in der Stille, im Sturm, im eigenen Atem. Ein Vermächtnis, das nicht in Kilometern gemessen wird.
