
2023 · Zwei Versuche. Eine offene Rechnung. Ein Beweis.
Neftenbach → Étretat
840 Kilometer nonstop: Ein Rennen gegen Grenzen, Körper und Zeit.
Prolog
840 Kilometer – eine Rechnung, die offen blieb
840 Kilometer. Nonstop. Von Neftenbach in der Schweiz bis zu den Kreidefelsen von Étretat in Frankreich. Ein Plan, so kühn wie simpel: Freitagabend losfahren, Samstagabend ankommen. Auf dem Rad, durch die Nacht, ohne Pause.
Doch was als klares Ziel begann, wurde zur Reise an die Grenzen. Rückschläge, Dramen, Entscheidungen unter Druck – diese Strecke war mehr als Asphalt. Sie war ein Test. Ein Duell mit dem eigenen Körper und der Psyche. Ein Beweis, dass Leistung nicht allein entsteht.
Komm mit auf diese Fahrt. Spür die Hitze, den Puls, die Zweifel. Und die Erkenntnis, dass manchmal Scheitern der wahre Start ist.
Ein Jahr Vorbereitung
Die Transformation
Ein Jahr Vorbereitung. Jürg, beruflich zu 100% eingespannt, baute systematisch seine Belastung auf. Trainingspläne, Ernährungsstrategien, Leistungsdiagnostik – alles wurde dokumentiert, öffentlich geteilt via Medien und YouTube. Laktatmessungen, Wearables, Tests: Er wollte zeigen, dass Leistung messbar ist. Biologie, nicht nur Wille.
Sein Körper veränderte sich radikal. Start mit über 230 Kilogramm, runter auf 81–82 bei 1,79 m. Ein Wunder? Nein, Wissenschaft. Während das Gewicht sank, stieg die Kalorienzufuhr: von 2500 auf über 3500 täglich, nur um stabil zu bleiben! Der Stoffwechsel wurde zur Maschine – je fitter der Körper, desto mehr Energie verbrennt er.
Gewichtsverlust durch mehr Essen? Ein Paradox, das staunen lässt. Jürg beweist: Es geht nicht um Hunger, sondern um metabolische Kapazität.
Innerer Monolog – Während der Vorbereitung
«Der Körper ist ein System. Input, Output, Anpassung. 230 Kilo waren ein Ausgangspunkt, keine Strafe. Jetzt, bei 82, verbrennt der Organismus mehr, als ich zuführen kann. 3500 Kalorien, und es reicht kaum. Biologie ist Mathematik – nur mit etwas mehr Schweiss.»
— Jürg Hösli, beim Blick auf die LeistungsdiagnostikVersuch 1
Der Schock vor Paris



Der erste Versuch. Freitagabend, Neftenbach. Alles läuft. Der Schnitt liegt bei über 30 km/h, der Puls stabil, die Beine wie Maschinen. Die Kilometer fliegen.
Doch 30 bis 40 Kilometer vor Paris – der Schock. Ein Teammitglied sackt zusammen. Der Körper zuckt unkontrolliert, ein epileptischer Anfall. Stille im Team, nur das Rauschen der Reifen. Sofort wird gehandelt. Rad stehen lassen, ab ins Spital. Hektik, Krankenwagenlichter in der Dämmerung.
Die Situation stabilisiert sich, doch das Projekt ist vorbei. Abbruch. Gesundheit geht vor – immer. Jürg zweifelt keine Sekunde. Trotzdem nagt es. Ein Jahr Arbeit, 550 Kilometer gefahren, 18 Stunden im Sattel.
Und doch: eine offene Rechnung bleibt.
Innerer Monolog – Im Moment des Abbruchs
«Abbruch. Logisch. Gesundheit ist die oberste Variable, keine Diskussion. Aber diese 550 Kilometer brennen im Kopf. Der Körper war bereit, die Daten stimmten. Ein Systemfehler, den ich nicht kalkulieren konnte. Die Rechnung bleibt offen.»
— Jürg Hösli, auf dem Weg ins Spital


Zwischenzeit
Ein schwieriger Winter
Der Weg war nicht immer gerade. Nach einer starken ersten Trainingsphase kam der Schlag: November, COVID-19. Jürg, sonst ein Kraftwerk, plötzlich am Boden. Ein postvirales Erschöpfungssyndrom raubte ihm alles. Keine Energie, keine Power – ein Zustand, den er nicht kannte.
Monatelang war jeder Tritt eine Qual. Mental ein Albtraum. Doch mit medizinischer Begleitung, Diagnostik und Geduld kam der Aufbau. Ab April drehte sich das Blatt. Die Basis aus der ersten Phase trug. Langsam, strukturiert, zurück ins Spiel.
Der Körper erinnerte sich. Der Wille auch. Ein Comeback, das zeigt: Rückschläge sind keine Endstation.
Innerer Monolog – Während der COVID-Phase
«Keine Energie. Unlogisch. Der Körper sendet Signale, die ich nicht deuten kann. Ein postvirales Syndrom ist wie ein Softwarefehler – der Code stimmt, aber die Ausführung hängt. Analyse, Anpassung, Neustart. Schritt für Schritt. Systeme reparieren sich, wenn man sie lässt.»
— Jürg Hösli, in der dunkelsten PhaseDie Entscheidung
«Wir haben eine offene Rechnung»
Nur Tage später ein Anruf. Das Teammitglied, inzwischen stabil, mit einer klaren Frage:
«Jürg, wollen wir's nicht nochmals versuchen? Wir haben eine offene Rechnung.»
Ein Satz, der alles ändert. Jürg nickt innerlich. Ja. Aber die Fakten sprechen dagegen. Der erste Versuch hat den Körper gezeichnet. 550 Kilometer, 18 Stunden Bewegung. Die Sitzfläche schmerzt, die Weichteile sind strapaziert. Regeneration? Fehlanzeige.
Ein Neustart jetzt ist Wahnsinn – oder die ultimative Probe. Das Team zieht zusammen. Einige kommen sogar früher aus den Ferien zurück.
Die Entscheidung steht. Freitagabend wieder los. Die offene Rechnung soll beglichen werden.


Versuch 2
Paris bei 40°C



Zweiter Versuch. Freitagabend, erneut los. Das Team, teils aus den Ferien zurück, ist bereit. Die ersten Stunden laufen.
Dann Paris. Samstagmittag, 40°C, die Hitze brennt auf der Haut. Der Asphalt glüht, Schweiss tropft, die Champs-Élysées liegen vor ihnen. Ein Moment wie im Film – Triumph, aber noch nicht das Ende.
Spontane Entscheidung: Weiter! Kein Stopp, kein Ruhen.
Der Puls hämmert, die Beine brennen, doch der Kopf sagt: Go. Paris ist nur ein Meilenstein, Étretat das Ziel. Die Stadt bleibt hinter ihnen, während die Sonne unbarmherzig sticht.
Innerer Monolog – Auf den Champs-Élysées, 40°C
«40 Grad. Der Körper kocht, aber die Daten sind stabil. Hitze ist ein Stressor, kein Limit. Die Champs-Élysées – symbolisch, irrelevant. Étretat ist die Ziellinie. Weiter. Der Organismus funktioniert, solange der Kopf das System steuert.»
— Jürg Hösli, durchgeschwitzt auf den Champs-Élysées

Krise
Stillstand bei La Défense
Von Paris nach La Défense. Alles im Fluss. Plötzlich: Stillstand. Die elektronische Schaltung – leer. Kein Klicken, kein Gangwechsel, nichts. Mitten im modernen Geschäftsviertel, umgeben von Glas und Stahl, steht das Team still.
Eine Stunde Zwangspause. Batterie laden. Die Uhr tickt, der Puls bleibt hoch. Eine Schrecksekunde, die sich wie Ewigkeit anfühlt. Jürg checkt die Daten, das Team wartet. Nerven liegen blank, doch niemand gibt auf.
Dann, endlich, das grüne Signal. Weiter. Die Maschine lebt wieder. Der Weg nach Étretat ist frei.
Ankunft
Étretat – Die Kreidefelsen


Die letzten Kilometer. Fast unspektakulär. Der Körper läuft wie ein Uhrwerk – ein Beweis für die Vorbereitung. Physiologisch stabil, trotz aller Strapazen. Doch mental tobt ein Sturm. Das Scheitern des ersten Versuchs, die Teamdynamik, die Verantwortung – alles spielt mit.
Samstagabend, endlich: Étretat. Die Kreidefelsen ragen aus dem Meer, majestätisch, still. Ankunft.
Erschöpfung trifft auf Erleichterung. 840 Kilometer sind geschafft. Ein Ziel, das mehr ist als Distanz. Es ist ein Sieg über Zweifel, Rückschläge, Grenzen. Gemeinsam.
Innerer Monolog – An den Kreidefelsen
«Étretat. 840 Kilometer. Der Körper meldet Fatigue, aber die Systeme halten. Kreidefelsen – ein Bild, kein Ziel. Das Ziel war der Prozess. Datenpunkt erreicht. Erfolg ist messbar, aber das Team macht ihn real. Interessante Variable, diese Dynamik.»
— Jürg Hösli, an den Kreidefelsen von Étretat


«Leistung entsteht nie allein. Sie entsteht immer im Zusammenspiel von Physiologie, Psyche und sozialer Dynamik.»— Jürg Hösli
Was bleibt
Was bleibt nach 840 Kilometern? Nicht nur die Distanz. Nicht nur die Ankunft. Es ist die Erkenntnis, dass Leistung nie allein entsteht. Sie ist ein Gefüge aus Physiologie, Psyche und sozialer Dynamik.
Der erste Versuch lehrte, Verantwortung zu tragen – auch wenn alles perfekt läuft, kann man abbrechen müssen. Der zweite zeigte, wie Rückschläge neue Energie freisetzen.
Solche Projekte sind Spiegel. Sie konfrontieren mit Grenzen, mit Schwächen, mit Stärken. Und sie beweisen: Gemeinsam geht mehr.
Eine offene Rechnung kann zur grössten Motivation werden. Étretat war nicht das Ende. Nur ein neuer Anfang.