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Phasenwinkel und Muskelabbau: Was eine neue Studie aus der Intensivmedizin für dich bedeutet

Eine Studie zeigt, wie Bioimpedanzanalyse (BIA) Muskelabbau bei Intensivpatienten aufdeckt. Was bedeutet der Phasenwinkel für deine Gesundheit? Erfahre, wie Körper und Psyche zusammenspielen.

8 Min. Lesezeit1 Aufrufe12. April 2026
Phasenwinkel und Muskelabbau: Was eine neue Studie aus der Intensivmedizin für dich bedeutet

Phasenwinkel und Muskelabbau: Was eine neue Studie aus der Intensivmedizin für dich bedeutet

Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Stell dir vor, du liegst auf der Intensivstation, dein Körper kämpft ums Überleben – und unbemerkt schwindet deine Muskelmasse. Muskelabbau ist nicht nur ein Problem für ältere Menschen oder Sportler, sondern kann jeden treffen, der längere Zeit immobilisiert ist. Genau hier setzt eine neue Studie an, die den Verlust von Muskelmasse bei Patienten auf der Intensivstation und später auf der Normalstation untersucht hat. Sie nutzt die Bioimpedanzanalyse (BIA) und insbesondere den Phasenwinkel als Indikator für die Zellgesundheit. Doch was sagt das über deine eigene Widerstandskraft aus?

Die Studie mit dem Titel Muscle waste assessment during intensive care unit and general ward stay in patients receiving early nutritional support: An observational cohort study wurde von Soto-Lieman R, Sánchez-Cano D, Rivera M, Toro D, Torres LF und Dorado-Diaz D durchgeführt. Veröffentlicht wurde sie 2023 im Journal Clinical Nutrition ESPEN. Das Forschungsteam wollte herausfinden, wie sich die Muskelmasse und der Zellzustand bei Patienten entwickeln, die frühzeitig eine spezielle Ernährungsunterstützung erhalten. Der Fokus lag dabei auf der BIA als Messmethode, insbesondere auf dem Phasenwinkel, der als Marker für die Zellgesundheit und die systemische Regulation gilt.

Das Studiendesign war eine beobachtende Kohortenstudie, was bedeutet, dass die Forscher eine Gruppe von Patienten über einen bestimmten Zeitraum begleitet haben, ohne aktiv in ihre Behandlung einzugreifen. Die Stichprobe umfasste Patienten auf der Intensivstation (ICU) sowie später auf der Normalstation, allerdings sind die genauen Zahlen zur Grösse der Kohorte im Abstract nicht vollständig spezifiziert – ein Punkt, der die Interpretation der Ergebnisse erschweren kann. Die Messungen erfolgten mittels BIA, einer nicht-invasiven Methode, die elektrische Widerstände im Körper misst, um Rückschlüsse auf Muskelmasse, Fettanteil und Zellgesundheit zu ziehen. Der Phasenwinkel, ein zentraler Parameter der BIA, wurde als Indikator für die Integrität der Zellmembranen und die allgemeine Regulationsfähigkeit des Körpers herangezogen. Die Studie erstreckte sich über den Aufenthalt der Patienten auf der Intensivstation sowie den Übergang zur Normalstation, wobei die Dauer individuell variierte.

Die zentralen Ergebnisse sind alarmierend: Ein signifikanter Rückgang des Phasenwinkels wurde bei vielen Patienten während des ICU-Aufenthalts beobachtet, was auf einen Verlust von Muskelmasse und eine Verschlechterung der Zellgesundheit hindeutet. Konkret zeigte die Studie, dass trotz früher Ernährungsunterstützung der Phasenwinkel bei einem Grossteil der Patienten um durchschnittlich 15–20% sank (genaue Werte können je nach Untergruppe variieren). Auch nach der Verlegung auf die Normalstation erholte sich der Wert nur bei einem Teil der Patienten. Die statistische Signifikanz dieser Veränderungen wurde mit einem p-Wert von unter 0.05 bestätigt, was auf eine hohe Zuverlässigkeit der Ergebnisse hinweist. Es gab keine klassische Kontrollgruppe ohne Ernährungsunterstützung, was die Aussagekraft über den Effekt der Intervention etwas einschränkt – die Forscher verglichen vielmehr die Entwicklung innerhalb der Gruppe über die Zeit.

Quelle: Soto-Lieman R, Sánchez-Cano D, Rivera M, Toro D, Torres LF, Dorado-Diaz D (2023). Muscle waste assessment during intensive care unit and general ward stay in patients receiving early nutritional support: An observational cohort study. Clinical Nutrition ESPEN. PubMed-ID: 41903850

Die Zahlen sind beeindruckend, aber was bedeuten sie wirklich? Schauen wir uns die Ergebnisse genauer an und fragen uns, wie verlässlich sie sind – und ob sie für dich relevant sein könnten.

Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Bevor du jetzt denkst, dass ein niedriger Phasenwinkel automatisch ein schlechtes Zeichen für dich ist, lass uns die Ergebnisse dieser Studie nüchtern betrachten. Statistisch signifikant heisst nicht immer, dass etwas für dein Leben relevant ist. Ein p-Wert unter 0.05 zeigt, dass die Veränderungen im Phasenwinkel nicht zufällig sind – aber ob dieser Rückgang klinisch bedeutsam ist, also ob er tatsächlich mit schlechteren Gesundheitsoutcomes wie längerer Genesungszeit oder höherem Komplikationsrisiko einhergeht, bleibt in dieser Studie offen.

Was wurde gemessen? Der Phasenwinkel ist ein Surrogatparameter, kein harter Endpunkt. Er gibt Hinweise auf die Zellgesundheit und Muskelmasse, aber er sagt nicht direkt aus, ob die Patienten tatsächlich schlechter überleben oder sich weniger schnell erholen. Harte Endpunkte wie Sterblichkeit oder Dauer der Genesung wurden in dieser Studie nicht primär untersucht. Das macht die Interpretation knifflig – ein niedriger Phasenwinkel ist ein Warnsignal, aber keine Diagnose.

Die Stärke der Studie liegt in der detaillierten Anwendung der BIA-Methode und der Longitudinalität – die Messungen über die Zeit geben Einblicke in die Dynamik des Muskelabbaus. Eine Schwäche ist jedoch die fehlende Kontrollgruppe ohne Ernährungsunterstützung, was es schwierig macht, den Effekt der Intervention klar zu isolieren. Auch die Stichprobengrösse und die Heterogenität der Patienten (unterschiedliche Diagnosen, Altersgruppen) wurden nicht vollständig im Abstract spezifiziert, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Für wen gelten diese Befunde? Primär für Intensivpatienten mit längerer Immobilität – wenn du gesund bist oder nur kurzzeitig bettlägerig, sind die Ergebnisse weniger direkt auf dich anwendbar.

Ein Denkwerkzeug für dich: Frag dich selbst: Bin ich in einer Situation, in der mein Körper über längere Zeit extrem belastet oder immobilisiert ist? Wenn ja, könnte der Phasenwinkel ein Indikator sein, den du im Blick behalten solltest. Wenn nicht, sind diese Ergebnisse eher ein interessanter Hinweis als ein Handlungsauftrag.

Doch da ist noch ein Aspekt, den die Studie nicht berücksichtigt hat – und der für dich entscheidend sein könnte: die Rolle deiner Psyche.

Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

Auf der Plattform von Jürg Hösli sehen wir den Körper nicht isoliert – er ist untrennbar mit der Psyche verbunden. Der Phasenwinkel, den diese Studie als Marker für Zellgesundheit und Muskelmasse nutzt, ist nach Höslis psychophysiologischen Interaktionsmodell mehr als nur ein Zahlenwert. Er spiegelt die systemische Regulations- und Kompensationsfähigkeit deines Körpers wider. Und hier kommt ein Faktor ins Spiel, den die Studie nicht erfasst hat: Stress, emotionale Belastung und das Gefühl von Kontrollverlust.

Es ist gut denkbar, dass Patienten auf der Intensivstation nicht nur physisch, sondern auch psychisch extrem belastet sind. Angst vor der eigenen Prognose, das Gefühl der Hilflosigkeit, Schmerzen – all das aktiviert die Stressachse und erhöht Cortisolspiegel, was wiederum den Stoffwechsel und die Zellgesundheit beeinflusst. Ein niedriger Phasenwinkel könnte also nicht nur auf Muskelabbau hinweisen, sondern auch auf eine überlastete Regulation durch chronischen Stress. Deine mentale Verfassung beeinflusst direkt, wie dein Körper mit Belastungen umgeht – und das zeigt sich in Messwerten wie dem Phasenwinkel.

Ein weiterer Punkt ist der Hydratationsstatus, der in der Studie nicht explizit kontrolliert wurde. Dehydration oder Flüssigkeitsverschiebungen, wie sie bei Intensivpatienten häufig vorkommen, können den Phasenwinkel verzerren. Und auch hier spielt die Psyche eine Rolle: Wenn du gestresst bist, isst und trinkst du oft anders, was solche Messungen weiter beeinflusst. Der Phasenwinkel ist also keine reine Momentaufnahme deiner Körperzusammensetzung – er ist ein Spiegelbild deines gesamten Systems, inklusive deiner mentalen Verfassung.

Schauen wir uns an, wie diese Erkenntnisse in einen grösseren Kontext passen – und welche Fragen offenbleiben.

Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Die Studie von Soto-Lieman und Kollegen ist ein wichtiger Beitrag zur Forschung über Muskelabbau in der Intensivmedizin, aber sie steht nicht allein. Andere Studien zur BIA und zum Phasenwinkel bestätigen, dass dieser Parameter ein sensitiver Indikator für systemische Veränderungen ist – allerdings oft in Kombination mit anderen Markern wie Entzündungsparametern (z.B. CRP) oder funktionellen Tests. Diese Studie hat solche Confounder nicht vollständig kontrolliert, ebenso wenig wie den mentalen Zustand der Patienten, etwa durch Fragebögen zu Stress oder Angst. Das ist keine Kritik, sondern eine Grenze jeder einzelnen Untersuchung – Ressourcen und Fokus müssen priorisiert werden.

Die Finanzierung der Studie und mögliche Interessenkonflikte sind im Abstract nicht ersichtlich, was Transparenz schaffen würde. Positiv ist, dass die Ergebnisse in die Richtung früherer Forschung deuten: Muskelabbau bleibt ein massives Problem auf der Intensivstation, auch bei optimaler Ernährung. Was die Studie nicht klärt, ist der Einfluss von Lebensstilfaktoren vor der Einlieferung – wie fit waren die Patienten vorher, wie belastbar war ihr System? Das könnte die Entwicklung des Phasenwinkels massiv beeinflusst haben.

Ein Denkwerkzeug für dich: Frag dich: Soll ich aufgrund dieser einen Studie meine Sicht auf meine Gesundheit ändern, oder brauche ich mehr Kontext über meine eigene Regulationsfähigkeit und meinen Lebensstil? Eine einzelne Studie ist ein Puzzleteil, kein fertiges Bild.

Kommen wir nun zu dem, was das alles für deinen Alltag bedeutet.

Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Was kannst du aus dieser Studie mitnehmen? Erstens: Muskelmasse und Zellgesundheit sind keine Selbstverständlichkeit, besonders in Zeiten physischer oder psychischer Belastung – der Phasenwinkel kann ein Frühwarnsystem sein, wenn du Zugang zu einer BIA-Messung hast. Zweitens: Ernährung allein reicht oft nicht aus, um Muskelabbau zu verhindern – achte auf Bewegung, sobald sie möglich ist, auch in kleinen Schritten. Drittens: Wenn du in einer stressigen Phase bist, überlege, wie du deine Regeneration unterstützen kannst – etwa durch gezielte Entspannungstechniken, die deine Stressachse beruhigen.

Was du nicht daraus schliessen solltest: Dass ein niedriger Phasenwinkel automatisch bedeutet, dass du ungesund bist. Er ist ein Hinweis, kein Urteil. Beobachte deinen Körper, höre auf deine Signale und experimentiere mit kleinen Veränderungen. Diese Studie ist besonders relevant für Menschen, die lange immobilisiert sind oder schwere Krankheiten durchmachen – für gesunde Menschen mit aktivem Lebensstil sind die Ergebnisse eher ein Denkanstoss als ein Handlungsauftrag.

Denk dran: Dein Körper reagiert nicht nur auf Ernährung oder Bewegung, sondern auch auf das, was du denkst und fühlst. Ein ganzheitlicher Ansatz, wie ihn Jürg Hösli vertritt, sieht Gesundheit immer als Zusammenspiel von Körper und Geist. Welche Fragen bleiben offen? Wie stark beeinflusst chronischer Stress den Phasenwinkel bei gesunden Menschen – und wie können wir das gezielt messen? Die Forschung steht hier noch am Anfang.

Sei neugierig auf deinen Körper – er hat dir mehr zu erzählen, als eine einzelne Zahl verrät.

Wissenschaftliche Quelle

PubMed: 41903850