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Long-COVID: Was hilft wirklich? Eine neue Studie sortiert die Therapien

Eine umfassende Übersichtsarbeit beleuchtet, welche Behandlungen für Long-COVID aktuell diskutiert werden und wo die Wissenschaft steht. Entdecke, welche Therapien bereits erforscht sind und welche noch auf solide Beweise warten.

9 Min. Lesezeit13 Aufrufe30. März 2026
Long-COVID: Was hilft wirklich? Eine neue Studie sortiert die Therapien

Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Stell dir vor, du bist nach einer Krankheit nicht wieder ganz fit. Die Müdigkeit bleibt, der Kopf ist nicht klar, und die kleinste Anstrengung fühlt sich an wie ein Marathon. Für Millionen Menschen weltweit ist das keine Vorstellung, sondern Realität – sie leiden unter Long-COVID. Die Symptome sind vielfältig und oft schwer greifbar, die Suche nach wirksamen Therapien ist eine der drängendsten Fragen unserer Zeit. Aber was hilft wirklich? Und welche Behandlungen sind mehr Hoffnung als bewiesene Wirkung?

Genau diesen Fragen hat sich ein australisches Forschungsteam gewidmet. Unter der Leitung von Baptista SN und Kollegen der Monash University und des Bond University Institute for Evidence-Based Healthcare haben sie eine umfassende Übersichtsarbeit erstellt. Ihr Ziel war es, die vorhandene Evidenz für potenzielle Long-COVID-Behandlungen zu kartieren. Dabei haben sie nicht nur die wissenschaftliche Literatur durchforstet, sondern auch die Prioritäten von Klinikern und Betroffenen direkt einbezogen. Das ist ein wichtiger Punkt, denn oft klafft eine Lücke zwischen dem, was die Forschung betrachtet, und dem, was im Alltag wirklich gebraucht wird.

Die Forschenden führten eine sogenannte narrative Übersichtsarbeit durch, die pragmatische Methoden nutzte. Dazu gehörte eine monatlich aktualisierte Suche in Datenbanken und Studienregistern. Die identifizierten Behandlungen wurden dann von Klinikern und Menschen mit Long-COVID mittels Umfragen bewertet und priorisiert. Aus einer Vielzahl von Optionen wurden die 14 am häufigsten genannten Interventionen genauer unter die Lupe genommen, darunter: Niedrigdosis-Naltrexon, antivirale Medikamente, Metformin, Nikotin, Vagusnervstimulation, Antihistaminika, Guanfacin, Colchicin, Nattokinase, intravenöse Immunglobuline, monoklonale Antikörper, Coenzym Q10, multikomponente Rehabilitationspakete und Bewegungstraining.

Für diese 14 Behandlungen erstellten die Autoren Evidenzzusammenfassungen, basierend auf systemischen Reviews und randomisierten kontrollierten Studien (RCTs), ergänzt durch zusätzliche Suchanfragen für andere Studiendesigns. Die zentralen Ergebnisse zeigten, dass nur sechs der 14 untersuchten Interventionen über Long-COVID-spezifische RCT-Evidenz verfügten. Das waren Bewegung (16 RCTs), multikomponente Pakete (5 RCTs), Coenzym Q10 (2 RCTs), antivirale Medikamente (1 RCT), Vagusnervstimulation (1 Pilot-RCT) und monoklonale Antikörper (1 kleine RCT). Für alle anderen Behandlungen gab es entweder nur indirekte oder sehr unsichere Daten, wie zum Beispiel unkontrollierte Studien oder rein mechanistische Begründungen. Die Evidenzsicherheit war über alle Interventionen hinweg mehrheitlich niedrig bis sehr niedrig, und die Sicherheit und Machbarkeit variierte stark.

Die Schlussfolgerung der Autoren war klar: Es gab nicht genügend direkte Evidenz, um fundierte klinische Empfehlungen abzugeben. Vielmehr repräsentieren die in dieser Übersicht präsentierten Behandlungen jene, die aufgrund ihrer biologischen Plausibilität und/oder ihrer Machbarkeit und Akzeptanz für Betroffene und Kliniker dringend in rigorosen klinischen Studien untersucht werden sollten.

Quelle: Baptista SN, Atkins T, Chakraborty S, Bakhit M, Glasziou P, Byambasuren O (2026). Candidate treatments for long COVID: a narrative review of expert and patient-driven priorities. Front Med (Lausanne), 13. PubMed-ID: 41836927

Dieses Ergebnis mag auf den ersten Blick ernüchternd wirken, aber es ist gleichzeitig ein wichtiger Schritt, um Licht ins Dunkel zu bringen. Es zeigt uns, wo wir stehen und wohin die Forschung als Nächstes blicken muss. Aber was heisst das jetzt genau, wenn die Evidenz noch so dünn ist?

Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Du hast nun einen Überblick über die Ergebnisse dieser wichtigen Übersichtsarbeit. Aber was bedeuten diese «niedrige bis sehr niedrige Evidenzsicherheit» und die fehlenden «klinischen Empfehlungen» wirklich für dich? Es ist leicht, sich von solchen Formulierungen entmutigen zu lassen, doch es ist entscheidend, sie richtig einzuordnen.

Du bist kein Durchschnitt. Die Studie spricht von Evidenzsicherheit auf Bevölkerungsebene. Das heisst, sie schaut, ob eine Behandlung im Durchschnitt einer grossen Gruppe von Menschen wirkt. Aber du bist nicht der Durchschnitt. Selbst wenn eine Behandlung statistisch nicht signifikant ist, kann sie für einzelne Personen einen grossen Unterschied machen – und umgekehrt. Das Fehlen von Evidenz ist nicht dasselbe wie der Beweis, dass etwas nicht wirkt. Es heisst lediglich, dass wir noch nicht genug Daten haben, um eine allgemeingültige Aussage zu treffen.

Was wurde wirklich gemessen? Die Autoren haben sich auf Studien konzentriert, die spezifische Behandlungen für Long-COVID untersuchten. Das ist gut, denn es geht um direkte Evidenz. Allerdings bedeutet die geringe Anzahl an RCTs, dass viele der vielversprechenden Ansätze noch nicht den Goldstandard der wissenschaftlichen Überprüfung erreicht haben. RCTs sind wichtig, weil sie am besten kausale Zusammenhänge aufzeigen können – also, ob eine Behandlung wirklich die Ursache für eine Verbesserung ist und nicht nur eine zufällige Korrelation.

Methodische Stärken und Grenzen: Die Stärke dieser Übersicht liegt in ihrem systematischen Vorgehen und der Einbeziehung von Experten und Betroffenen. Das stellt sicher, dass die untersuchten Therapien relevant sind. Die grosse Schwäche ist jedoch die geringe Anzahl an hochwertigen Studien für die meisten der priorisierten Behandlungen. Wenn nur eine oder zwei kleine RCTs existieren, ist die Aussagekraft begrenzt, selbst wenn die Ergebnisse positiv sind. Grosse, multizentrische Studien mit vielen Teilnehmenden sind notwendig, um robuste Erkenntnisse zu gewinnen.

Für wen gelten die Ergebnisse? Die Studie schliesst keine spezifische Patientengruppe aus, aber die mangelnde Evidenz bedeutet, dass wir nicht genau wissen, welche Behandlungen für welche Art von Long-COVID-Symptomen am besten geeignet sind oder für welche Subgruppen von Betroffenen. Long-COVID ist ein Syndrom mit vielen Gesichtern, und es ist unwahrscheinlich, dass eine einzige Behandlung für alle passt.

Denkwerkzeug: Wenn du von einer neuen Long-COVID-Behandlung hörst oder liest, frage dich: Basieren die Empfehlungen auf grossen, gut durchgeführten Studien mit Long-COVID-Patienten, oder sind es eher kleinere Studien, anekdotische Berichte oder Rückschlüsse aus anderen Krankheitsbildern? Deine Antwort hilft dir, die Seriosität und Übertragbarkeit für deine Situation besser einzuschätzen.

All diese Punkte zeigen, dass die Wissenschaft noch am Anfang steht, was die spezifischen Behandlungen für Long-COVID angeht. Aber oft übersehen wir in der Diskussion über Medikamente und Therapien einen entscheidenden Faktor, der die Wirkung all dieser Interventionen massgeblich beeinflussen kann: unseren eigenen Geist.

Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

Diese Studie konzentriert sich auf pharmakologische oder physiologische Interventionen, was absolut wichtig ist. Doch gerade bei einem komplexen Krankheitsbild wie Long-COVID, das oft mit Symptomen wie chronischer Müdigkeit, Brain Fog und Schmerzen einhergeht, dürfen wir die psychophysiologische Dimension nicht ausser Acht lassen. Unser Körper ist keine Maschine, die isoliert auf Medikamente reagiert; er ist untrennbar mit unserem Geist verbunden.

Nehmen wir zum Beispiel die Placebo- und Nocebo-Effekte. Allein die Überzeugung, dass eine Behandlung helfen wird, kann messbare physiologische Veränderungen hervorrufen. Wenn du erwartest, dass Coenzym Q10 dir Energie gibt, ist es gut denkbar, dass du dich energiegeladener fühlst, selbst wenn die Studienergebnisse noch nicht eindeutig sind. Umgekehrt kann die Angst, dass eine Behandlung Nebenwirkungen hat (Nocebo-Effekt), diese tatsächlich hervorrufen. Diese Effekte sind keine Einbildung, sondern reale neurobiologische Prozesse, die von der Erwartungshaltung angetrieben werden.

Betrachte auch die multikomponenten Rehabilitationspakete oder Bewegungstraining, für die es immerhin die meiste Evidenz gab. Hier spielt nicht nur die körperliche Aktivität selbst eine Rolle. Motivation, Selbstwirksamkeit und die innere Überzeugung, etwas für die eigene Gesundheit tun zu können, sind entscheidende Faktoren. Wenn du glaubst, dass Bewegung dir hilft, wirst du sie anders angehen – vielleicht mit mehr Freude und Konsistenz, was wiederum die physiologischen Effekte verstärkt. Der Glaube an die eigene Fähigkeit zur Genesung, die Hoffnung, die durch eine professionelle Begleitung entsteht, ist ein mächtiger Heilungsfaktor.

Ein Aspekt, der in dieser Studie nicht direkt erfasst wurde, aber bei Long-COVID oft eine zentrale Rolle spielt, ist chronischer Stress. Long-COVID selbst ist ein massiver Stressor, und die Unsicherheit über die Genesung, die Belastung im Alltag und die fehlende gesellschaftliche Anerkennung können einen Teufelskreis in Gang setzen. Chronischer Stress beeinflusst die Cortisol-Achse, die Entzündungsprozesse im Körper und die Insulinsensitivität. Es ist gut denkbar, dass viele der Long-COVID-Symptome durch eine Kombination aus viralen Langzeitschäden und einer gestörten psychophysiologischen Stressantwort verstärkt werden.

Auch der sogenannte Hawthorne-Effekt ist relevant: Menschen ändern ihr Verhalten, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden. In Studien kann dies dazu führen, dass Probanden im Behandlungsarm allein durch die erhöhte Aufmerksamkeit und das Gefühl, betreut zu werden, positive Effekte erleben, die nicht direkt auf die spezifische Intervention zurückzuführen sind. Das ist kein Makel der Studie, sondern ein Hinweis darauf, wie stark das menschliche Erleben und die Interaktion mit dem Gesundheitssystem unsere Physiologie beeinflussen.

Kurz gesagt: Die Suche nach der «perfekten Pille» für Long-COVID ist wichtig, aber wir dürfen nicht vergessen, dass unser Körper und Geist eine untrennbare Einheit bilden. Die Art und Weise, wie wir über unsere Krankheit denken, wie wir mit Stress umgehen und welche Erwartungen wir an Therapien haben, kann deren Wirksamkeit massgeblich beeinflussen.

Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Diese Übersichtsarbeit liefert einen wichtigen Momentaufnahme der Long-COVID-Forschung. Sie zeigt klar auf, dass wir noch am Anfang stehen, aber auch, welche Richtungen vielversprechend sind. Doch um die Ergebnisse richtig einzuordnen, müssen wir sie in einen grösseren Kontext stellen.

Wer steht dahinter? Die Studie wurde von der Australian Living Evidence Collaboration der Monash University und dem Bond University Institute for Evidence-Based Healthcare durchgeführt. Diese Institutionen sind auf evidenzbasierte Medizin spezialisiert und haben ein klares Interesse daran, wissenschaftlich fundierte Informationen bereitzustellen. Es wurden keine spezifischen Interessenkonflikte angegeben, was die Glaubwürdigkeit der Analyse stärkt.

Wo steht diese Studie in der Forschungslandschaft? Diese Übersicht ist kein Puzzleteil, sondern eher ein Kompass. Sie bestätigt die allgemeine Beobachtung, dass die Erforschung von Long-COVID-Therapien noch in den Kinderschuhen steckt, aber sie identifiziert auch die Kandidaten, die biologisch plausibel erscheinen und von Betroffenen und Ärzten als relevant erachtet werden. Sie ist also ein Aufruf an die Forschungsgemeinschaft, sich auf diese Bereiche zu konzentrieren. Eine einzelne Studie ist nie die ganze Wahrheit, und eine Übersichtsarbeit wie diese ist besonders wertvoll, weil sie versucht, das Gesamtbild zu zeichnen.

Was wurde nicht kontrolliert? Jede Studie hat ihre Grenzen. Obwohl diese Übersicht die Evidenz für spezifische Interventionen bewertet hat, konnte sie nicht kontrollieren, welche anderen Lebensstilfaktoren die teilnehmenden Patienten möglicherweise beeinflusst haben. Ernährung, Schlafqualität, soziale Unterstützung, mentale Gesundheit – all diese Aspekte spielen eine grosse Rolle bei der Genesung von chronischen Krankheiten und können die Wirkung jeder Therapie beeinflussen. Das ist keine Kritik am Studienteam, sondern eine Erinnerung daran, dass der Mensch ein komplexes System ist und nicht nur die Summe seiner Symptome.

Denkwerkzeug: Wenn du eine neue Therapie für Long-COVID in Betracht ziehst, frage dich: Gibt es neben der spezifischen Behandlung auch Aspekte meines Lebensstils, die ich optimieren kann, um meine Genesung zu unterstützen, und wie könnte die Therapie mit diesen Aspekten interagieren? Mach dir bewusst, dass Gesundheit ein Zusammenspiel vieler Faktoren ist.

Diese Studie ist ein Weckruf und eine Richtschnur zugleich. Sie zeigt, dass vielversprechende Ansätze existieren, diese aber noch einer gründlicheren wissenschaftlichen Prüfung bedürfen. Für dich bedeutet das: Informiert bleiben, aber auch nicht blind jedem Hype folgen.

Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Nachdem wir nun die Studie detailliert besprochen und in den Kontext gestellt haben, stellt sich die entscheidende Frage: Was kannst du aus all dem für deinen Alltag mitnehmen, gerade wenn du selbst von Long-COVID betroffen bist oder jemanden kennst, der es ist?

Was kannst du mitnehmen?

  1. Bleibe informiert, aber skeptisch: Es gibt viele vielversprechende Ansätze, aber nur wenige haben bisher eine solide wissenschaftliche Basis. Das bedeutet nicht, dass sie nicht wirken, sondern dass wir noch nicht genug wissen. Verfolge die Forschung kritisch und hinterfrage Wundermittel.
  2. Fokus auf das, was schon Evidenz hat: Multikomponente Rehabilitationspakete und angepasstes Bewegungstraining zeigten in dieser Übersicht die meiste Evidenz. Das sind oft Ansätze, die du in Absprache mit Fachpersonen in deinen Alltag integrieren kannst. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie, Atemübungen und graduelle Aktivierung.
  3. Dein Inneres zählt: Die psychophysiologische Komponente ist entscheidend. Stressmanagement, Achtsamkeit, eine positive Erwartungshaltung und der Glaube an deine Selbstwirksamkeit können die Wirksamkeit jeder Therapie massgeblich beeinflussen und sind wichtige Säulen im Umgang mit Long-COVID.

Was solltest du NICHT daraus schliessen?

  • Keine vorschnellen Urteile: Das Fehlen von Evidenz ist kein Beweis für die Unwirksamkeit. Es ist gut möglich, dass einige der derzeit noch schlecht untersuchten Therapien sich in Zukunft als sehr wirksam erweisen. Sei offen, aber nicht blauäugig.
  • Keine Selbstmedikation ohne Absprache: Viele der genannten Substanzen oder Verfahren sind nicht harmlos. Bevor du etwas ausprobierst, sprich immer mit deinem Arzt oder Therapeuten, um mögliche Risiken und Wechselwirkungen abzuklären.

Für wen ist das besonders relevant? Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für Menschen, die unter Long-COVID leiden und nach Orientierung im Dschungel der Behandlungsoptionen suchen. Auch für medizinisches Fachpersonal ist die Studie ein wichtiger Überblick, um die Prioritäten für weitere Forschung und klinische Praxis zu setzen. Für Gesunde ist es eine Erinnerung daran, wie komplex chronische Krankheiten sind und wie wichtig eine evidenzbasierte Herangehensweise ist.

Dein Körper reagiert nicht nur auf das, was du isst oder wie du dich bewegst, sondern auch auf das, was du denkst und fühlst. Das ist die Essenz des psychophysiologischen Interaktionsmodells. Bei Long-COVID, einer Krankheit, die oft mit einer tiefen Verunsicherung einhergeht, ist es umso wichtiger, diese Verbindung zu stärken.

Welche Fragen bleiben offen? Es bleibt die dringende Notwendigkeit, die vielversprechenden Kandidaten – von niedrigdosiertem Naltrexon bis Nattokinase – in grossen, methodisch hochwertigen Studien zu testen. Nur so können wir wirklich verstehen, was hilft und für wen. Bis dahin ist es klug, auf bewährte Unterstützung zu setzen und gleichzeitig offen für neue, evidenzbasierte Entwicklungen zu bleiben.

Bleib neugierig, bleib kritisch und vor allem: Höre auf deinen Körper und deinen Geist. Sie sind deine besten Ratgeber auf dem Weg zur Genesung.

Wissenschaftliche Quelle

Frontiers in medicine