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Emotionale Belastung und Therapieerfolg bei Geflüchteten

Eine Studie untersucht, wie emotionaler Stress und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation den Therapieerfolg von Geflüchteten mit PTSD beeinflussen. Warum scheinen diese Faktoren weniger entscheidend als erwartet?

7 Min. Lesezeit14 Aufrufe17. März 2026
Emotionale Belastung und Therapieerfolg bei Geflüchteten

Die Studie – Was wurde untersucht und warum betrifft dich das?

Stell dir vor, du hast Schlimmes erlebt und endlich die Kraft gefunden, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch selbst der Weg zur Therapie und das Dranbleiben können eine enorme Herausforderung sein. Besonders für Menschen, die als Geflüchtete in einem neuen Land Fuss fassen müssen, oft mit traumatischen Erlebnissen im Gepäck. Die psychische Belastung ist immens, und der Alltag ist voller Hürden. Genau an diesem Punkt setzt eine aktuelle Studie an, die untersucht hat, welche Faktoren den Erfolg einer Trauma-Therapie bei Geflüchteten beeinflussen.

Ein Team um Ghafoerkhan und Kollegen vom ARQ Centrum'45 und der Universität Utrecht in den Niederlanden hat sich dieser wichtigen Frage gewidmet. Ihre Studie, publiziert im European Journal of Psychotraumatology, konzentrierte sich auf die Narrative Expositionstherapie (NET), eine bewährte Behandlungsmethode für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). NET hilft Betroffenen, ihre traumatischen Erinnerungen in eine zusammenhängende Lebensgeschichte zu integrieren und so die Kontrolle über ihre Vergangenheit zurückzugewinnen.

Die Forschenden wollten herausfinden, ob die anfängliche Fähigkeit, mit Emotionen umzugehen (Emotionsdysregulation), und das Ausmass des wahrgenommenen Alltagsstresses vor Therapiebeginn vorhersagen können, wie gut Geflüchtete die Therapie durchhalten und abschliessen. Insbesondere wurde untersucht, ob diese Faktoren mit der Abschlussrate der Therapie oder der Therapietreue (Anzahl der besuchten Sitzungen im Verhältnis zu den geplanten) zusammenhängen.

Für diese unkontrollierte Beobachtungsstudie wurden 86 Geflüchtete (59% Frauen, Alter 19–63 Jahre) mit PTBS begleitet, die eine NET-Therapie in einer ambulanten psychiatrischen Klinik erhielten. Vor Behandlungsbeginn wurden mittels standardisierter Fragebögen ihr wahrgenommener Stress, ihre Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und die Schwere ihrer PTBS-Symptome erfasst. Daten zur Teilnahme und zum Abschluss der Therapie wurden aus den medizinischen Akten entnommen. Die Analysen erfolgten mithilfe logistischer und hierarchischer Regressionsanalysen.

Die Ergebnisse waren überraschend: Weder der wahrgenommene Alltagsstress noch die Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation vor Therapiebeginn schienen einen signifikanten Einfluss auf den Abschluss der NET-Therapie zu haben. Auch auf die Therapietreue hatte der Alltagsstress zunächst keinen eigenständigen Einfluss, sobald die Schwere der anfänglichen PTBS-Symptome berücksichtigt wurde. Insgesamt konnte die Therapietreue nicht durch die zu Beginn gemessenen Faktoren erklärt werden.

Quelle: Ghafoerkhan, R. S., Van Heemstra, H. E., Scholte, W. F., Ghane, S., Van Der Aa, N., & Boelen, P. A. (2026). Role of baseline emotion dysregulation and perceived daily stress in adherence to and completion of narrative exposure therapy among forced migrants. European Journal of Psychotraumatology, 17(1), 2626108. PubMed-ID: 41790989

Was heisst das wirklich? – Die kritische Einordnung

Diese Ergebnisse sind auf den ersten Blick verblüffend und werfen Fragen auf. Man würde intuitiv erwarten, dass Menschen, die unter hohem Alltagsstress stehen oder Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu regulieren, es schwerer haben, eine anspruchsvolle Therapie wie die NET durchzuhalten. Doch die Studie fand hier keinen direkten Zusammenhang.

Ein wichtiger Punkt ist die Unterscheidung zwischen «statistisch signifikant» und «klinisch bedeutsam». Auch wenn ein p-Wert sehr klein ist, bedeutet das nicht immer, dass das Ergebnis eine grosse praktische Relevanz für den Einzelnen hat. Im vorliegenden Fall gab es eben keine statistische Signifikanz. Das heisst, die gemessenen Unterschiede waren zu gering, um als zuverlässiger Effekt gewertet zu werden. Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass die geringe Stichprobengrösse von 86 Teilnehmenden ein Grund für das Fehlen signifikanter Ergebnisse sein könnte.

Was wurde hier gemessen? Die Studie verwendete etablierte Skalen für wahrgenommenen Stress und Emotionsregulation sowie die PTBS-Checkliste, was methodisch solide ist. Der Therapieerfolg wurde anhand von Anwesenheitslisten und dem Abschluss des Behandlungsprotokolls erfasst – also «harte» Endpunkte im Sinne der Therapietreue und des Abschlusses. Allerdings sagen diese Endpunkte noch nichts über die tatsächliche Reduktion der PTBS-Symptome oder die Verbesserung der Lebensqualität aus. Es geht hier primär um die Machbarkeit der Therapie, nicht direkt um deren Wirksamkeit.

Denkwerkzeug: Wenn du eine Therapie beginnst, frag dich: Welche Faktoren erwarte ich persönlich, die meinen Therapieerfolg beeinflussen könnten? Und inwiefern decken sich diese Erwartungen mit dem, was Studien tatsächlich messen?

Der Geist im Körper – Die psychophysiologische Perspektive

Gerade bei Geflüchteten mit traumatischen Erfahrungen ist das Zusammenspiel von Psyche und Körper untrennbar. Chronischer Stress, Traumata und der Kampf ums Überleben hinterlassen tiefe Spuren im gesamten System. Die Schwierigkeit, Emotionen zu regulieren, ist oft eine direkte Folge von Überforderung und fehlenden Bewältigungsstrategien in extremen Situationen. Dass dies scheinbar keinen direkten Einfluss auf die Therapietreue hat, ist verblüffend und lädt zur psychophysiologischen Spekulation ein.

Es ist gut denkbar, dass die Teilnehmenden, die sich für eine Therapie entscheiden, bereits eine gewisse Resilienz oder eine starke intrinsische Motivation mitbringen. Vielleicht ist der Wunsch nach Heilung so gross, dass er sowohl den Alltagsstress als auch Schwierigkeiten in der Emotionsregulation überdeckt. Die Entscheidung, sich überhaupt einer Trauma-Therapie zu stellen, könnte bereits ein Indikator für eine innere Stärke sein, die in den gemessenen Parametern nicht direkt abgebildet wird.

Ein weiterer Aspekt, der in dieser Studie nicht erfasst wurde, ist die Rolle des Therapeuten und die therapeutische Beziehung. Gerade in der NET, die eine vertrauensvolle Atmosphäre erfordert, könnte die Qualität der Beziehung zum Therapeuten ein entscheidender Faktor für das Durchhalten sein, der über den individuellen Stress- und Emotionsregulations-Status hinausgeht. Wenn ein Patient sich verstanden und sicher fühlt, kann dies eine enorme Ressource sein, die hilft, auch unter schwierigen Bedingungen dranzubleiben.

Zudem könnten kulturelle Faktoren und soziale Unterstützung eine Rolle spielen, die in den westlichen Messinstrumenten möglicherweise nicht vollumfänglich abgebildet werden. Für viele Geflüchtete ist die Gemeinschaft ein wichtiger Anker, und die Unterstützung durch Familie oder Freunde könnte als Puffer gegen den individuellen Stress wirken und die Therapietreue fördern.

Der grössere Kontext – Einordnung und Abhängigkeiten

Diese Studie ist ein kleines Puzzlestück in der komplexen Forschung zur psychischen Gesundheit von Geflüchteten. Sie bestätigt indirekt, dass der Zugang zu effektiven Therapien wie der NET entscheidend ist, da selbst unter erschwerten Bedingungen eine hohe Therapietreue erreicht werden kann. Die Studie wurde von den beteiligten Universitäten und Zentren durchgeführt, was auf eine unabhängige Forschung hindeutet. Es wurden keine externen Finanzierungsquellen oder potenziellen Interessenkonflikte angegeben, was die Glaubwürdigkeit stärkt.

Die Ergebnisse widersprechen teilweise der Intuition und auch manchen klinischen Erfahrungen, die darauf hindeuten, dass hohe Belastung und Emotionsregulationsprobleme die Therapie erschweren. Dies könnte, wie die Autoren selbst anmerken, an der Stichprobengrösse liegen. Es ist eine Beobachtungsstudie, keine randomisierte kontrollierte Studie, was bedeutet, dass keine kausalen Zusammenhänge bewiesen werden können. Es wurden lediglich Assoziationen gesucht.

Was wurde nicht kontrolliert? Eine Vielzahl von Lebensstilfaktoren und externen Stressoren, die den Alltag von Geflüchteten prägen, konnten in dieser Studie nicht erfasst werden. Dazu gehören der Aufenthaltsstatus, die Wohnsituation, finanzielle Sorgen, Sprachbarrieren, Diskriminierungserfahrungen oder die Verfügbarkeit von sozialer Unterstützung. All diese Faktoren beeinflussen das Stresslevel und die Fähigkeit zur Emotionsregulation erheblich und könnten die Ergebnisse überlagert haben.

Denkwerkzeug: Bevor du aufgrund einer einzelnen Studie eine weitreichende Entscheidung triffst, frag dich: Welche Aspekte meines Lebens oder der Umstände der Studie wurden nicht berücksichtigt, die das Ergebnis beeinflussen könnten?

Was heisst das für dich? – Fazit und Alltagsrelevanz

Was kannst du aus dieser Studie mitnehmen, auch wenn du vielleicht nicht direkt zur Gruppe der Geflüchteten gehörst? Erstens: Der menschliche Wille und die Motivation zur Heilung können erstaunlich stark sein. Auch unter widrigen Umständen können Menschen eine Therapie durchhalten, wenn sie den Sinn darin sehen und die Unterstützung erhalten, die sie brauchen.

Zweitens: Lass dich nicht entmutigen, wenn du das Gefühl hast, dass dein Stresslevel oder deine Schwierigkeiten im Umgang mit Emotionen dich daran hindern könnten, dir Hilfe zu suchen oder eine Therapie zu beginnen. Manchmal sind die inneren Ressourcen, die du mobilisieren kannst, grösser, als du denkst. Diese Studie deutet an, dass die reine Anwesenheit von Stress oder Emotionsdysregulation nicht zwangsläufig bedeutet, dass du eine Therapie nicht durchhalten kannst.

Drittens: Diese Studie ist ein Reminder, dass wir uns nicht nur auf die offensichtlichen psychischen Faktoren konzentrieren sollten. Das psychophysiologische Interaktionsmodell lehrt uns, dass unsere gesamte Lebenssituation – unser Körper, unser Geist und unsere soziale Umwelt – untrennbar miteinander verbunden ist. Eine Therapie ist nicht nur eine «Kopf-Sache», sondern eine ganzheitliche Erfahrung, die von vielen Faktoren beeinflusst wird.

Was solltest du NICHT daraus schliessen? Du solltest nicht schliessen, dass Stress oder Emotionsregulationsprobleme unwichtig sind. Ganz im Gegenteil: Sie sind zentrale Aspekte unserer psychischen Gesundheit. Die Studie zeigt lediglich, dass sie in diesem spezifischen Kontext und mit den gewählten Messmethoden keinen direkten Vorhersagewert für die Therapietreue hatten. Das kann an der Stichprobe, der Methode oder anderen Faktoren liegen.

Für wen ist das besonders relevant? Diese Erkenntnisse sind besonders wichtig für Therapeuten und Gesundheitssysteme, die mit traumatisierten Menschen arbeiten. Sie unterstreichen die Notwendigkeit, zugängliche und kulturell sensible Therapieangebote zu schaffen, ohne sich von anfänglichen Belastungsindikatoren abschrecken zu lassen. Für jeden Einzelnen ist es eine Ermutigung, den Schritt in eine Therapie zu wagen, auch wenn der Weg steinig erscheint.

Dein Körper und dein Geist sind in ständiger Kommunikation. Was du denkst, fühlst und erlebst, beeinflusst deine Physiologie – und umgekehrt. Diese Studie erinnert uns daran, dass wir oft mehr innere Stärke besitzen, als wir uns zutrauen, und dass die Entscheidung, aktiv an unserer Heilung zu arbeiten, bereits ein grosser Schritt ist. Bleib neugierig, hör auf deinen Körper und sei dir bewusst, dass jede Anstrengung, die du für deine Gesundheit unternimmst, wertvoll ist.

Wissenschaftliche Quelle

European journal of psychotraumatology